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13.03.2008

Kreative Ökonomie - Perspektiven für eine lebendige Zukunft

von Dr. Daniel Dettling, Anja Fischer, Anke Patt

Immer häufiger stellt sich die Frage, inwieweit gegenwärtige Wirtschaftsmodelle noch zeitgemäß sind. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich im Zuge der Globalisierung verändert: Symptome wie Arbeitslosigkeit, Abwanderung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer und sinkende Wachstumsraten stellen viele Länder vor große Herausforderungen. Neue Szenarien müssen her, um einer sich stark verändernden Gesellschaft neue, tragfähige Wirtschaftsfaktoren anzubieten. Mit dem Begriff "Kreative Ökonomie" wird eine neue Losung geprägt, die vor allem Freiräume für die Entwicklung von Kreativität und Innovation fordert, um mit Erfindergeist und Offenheit einen lebendigen Arbeits- und Lebensraum mit Zukunftsperspektiven zu schaffen.

Ein Beispiel: Wolfgang Grauthoff – Türöffner für kreatives Handeln

Die Tür zum Büro von Wolfgang Grauthoff ist aus französischer Esche. Sie ist blaugrau lackiert und in den Innenausbau des Bürogebäudes integriert. Türen sind das Geschäft von Wolfgang Grauthoff. 1992 übernahm er die operative Unternehmensleitung der HGM Türenwerke Heinrich Grauthoff GmbH von seinem Vater. Grauthoff ist ein Macher, der keine Angst davor hat ungewöhnliche Wege zu gehen. Für seine Diplomarbeit wollte er nicht nur „aus Büchern abschreiben“, er wollte etwas schaffen, das sich praktisch umsetzen lässt. Also entwarf der angehende Betriebswirt kurzerhand ein funktionelles, zeitgemäßes Bürogebäude für die Hauptverwaltung des väterlichen Betriebs.

Schon dreimal wurde das Unternehmen zu den 100 innovativsten Unternehmen im deutschen Mittelstand gewählt. Kreativität beweist der Türenhersteller in der Entwicklung von Produktlinien immer wieder aufs Neue und trifft mit einem in Deutschland beispiellosen Sortiment den Nerv der Zeit. Die preisgekrönte Obstgarten-Kollektion, die unter anderem Optiken aus Apfel-, Zwetschgen-, Birnen- und Nussbäumen enthält, entspricht sowohl dem Trend, Produkten aus der Region den Vorzug zu geben als auch dem Wunsch der Menschen nach Authentizität und Naturnähe. Für die Obstgarten-Kollektion wurde dem Türenhersteller der Innovationspreis Holz 2007, der „Woody-Award“ verliehen. Die Exotic-Kollektion aus Holzarten wie Santos Palisander, Teak, Zebrano oder Makassar erfüllt das andere Extrem, den Wunsch nach Ferne, Freiheit und Abendteuer. Nostalgiker wiederum freuen sich über die Produkte der Retro-Designlinie. HGM-Türen gelingt es, mit seinem Angebot auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Kundensegmente einzugehen und sich dabei selbst treu zu bleiben.

„Be different or die“ – Pionier im Bereich Kreativität und Innovation

Qualität und technische Automatisierung sind heute wie damals die Basis für alle Arbeits- und Produktionsprozesse, doch erst die Kreativität komplettiert das Gesamtkonzept. Kreative Ökonomie ist für Heinrich Grauthoff die Grundlage des Erfolges, seine Mission sieht er in der Herstellung des Einzigartigen. Furnier-, Lack- und Massivholztüren für gehobene Ansprüche und aus hochwertigen Materialien sind heute die Kernkompetenz des Mittelständlers.

Für den Unternehmer ist Kreativität Leidenschaft und Pflicht zugleich. Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, muss er mehr bieten als das Gewöhnliche, er muss erkennbar anders sein. „Be different or die“, frei übersetzt als „Lebe den Unterschied – oder du gehst unter“, ist die Philosophie des Unternehmers. Entsprechend ungewöhnliche Wege beschreitet das Unternehmen. HGM ist der einzige Türenhersteller weltweit, der sich mit dem Thema Feng Shui beschäftigt. Alle Unternehmensstandorte sind nach Energiedesignrichtlinien verändert worden und die gesamte Produktpalette des Unternehmens wird nach Grundsätzen des Feng Shui entwickelt. So mancher hat mit dem Kopf geschüttelt, als die Grauthoff GmbH vor 6 Jahren die erste Feng Shui Türenkollektion vorstellte. Aber alle haben darüber gesprochen, die Aufmerksamkeit der Kundschaft und der Marktteilnehmer war dem westfälischen Unternehmen sicher.

Leidenschaft gehört für Grauthoff zur Kreativität wie die Luft zum atmen: „Ohne Spaß gibt es keine Kreativität und ohne Kreativität gibt es keinen Erfolg“. Eine positive Grundstimmung, geprägt von Vertrauen, ist für ihn die Voraussetzung, um überhaupt kreativ zu werden. Gerne vergleicht Grauthoff ein Kreativunternehmen mit einem Abenteuerspielplatz für Erwachsene: „Erst wenn die Stimmung da ist, wenn man Lust dazu hat auf den Abenteuerspielplatz zu gehen, lässt man sich etwas einfallen und baut neue Spielgeräte. Man schaukelt etwas höher, man fällt auch mal runter, aber letztendlich macht es Spaß.“

Vorreiterrolle im Bereich Kreativität und Innovation

Ein positives Betriebsklima liegt Grauthoff auch deshalb am Herzen, weil alle Mitarbeiter auf die eine oder andere Art ihren Beitrag zu den Kreativprozessen leisten. Zur Entwicklung neuer Produkte arbeiten Mitarbeiter aus den Unternehmensbereichen Produktion, Einkauf, Marketing, Vertrieb und Geschäftsführung in einem interdisziplinären Modellteam zusammen. Nur bei Bedarf werden externe Spezialisten dazugeholt. Die Modellgruppe bildet den kreativen Kern, gemeinsam werden Ideen geboren, entwickelt und manchmal auch wieder verworfen. Im Grunde wird die Produktentwicklung im Unternehmen jedoch als Gemeinschaftsaufgabe betrachtet, es gehören ausdrücklich alle Mitarbeiter zum erweiterten Kreis des Kreativteams.

Im Land Nordrhein-Westfalen sind die Grauthoffs tief verwurzelt, ein Abwandern kommt für den Familienbetrieb nicht in Frage. „Unsere Mitarbeiter haben mit uns gemeinsam diesen Standort entwickelt, das ist eine Gemeinschaftsleistung“. Grauthoff weiß, wie wichtig seine Mannschaft für das Unternehmen ist, schwierige Zeiten wurden bisher stets gemeinsam gemeistert. Die Belegschaft bedankt sich durch Verbundenheit, im Unternehmen gibt es nahezu keine Fluktuation. „Wir haben einen guten Geist, eine gute Stimmung im Laden, weil wir berechenbar sind in dem was wir tun – das ist die Grundlage für Kreativität.“ Anja Fischer

Das Beispiel der Firma Grauthoff zeigt uns Möglichkeiten, die Tradition und Vision, Kreativität und Ökonomie miteinander verbinden ohne den Faktor Mensch außer Acht zu lassen. Ein Einzelfall? Oder steckt in unserer Gesellschaft viel mehr Potential, wenn wir nur unsere Ideen zielführend bündeln? Und was ist das Geheimrezept der „Kreativen Ökonomie“? Wir fragen Dr. Daniel Dettling, Vorstandsvorsitzender des think tanks berlinoplis e.V.

Anke Patt: Herr Dr. Dettling, der Begriff „Kreative Ökonomie“ wirkt so, als wolle man der faktenorientierten Zahlenwelt mal ein bisschen kreative Power verleihen. Lässt sich der Begriff so einfach über seine Bestandteile erklären? Da steckt doch sicher viel mehr dahinter.
Daniel Dettling: Auch Zahlen brauchen „Power“. Der Leitbegriff der Kreativen Ökonomie steht für ein neues Wirtschaftsmodell, das nicht nur auf Zahlen wie Standortkosten, Sozialabgaben und Tarifverträge abhebt. Die Kreative Ökonomie ist vielmehr die Wirtschaftsform der Wissensgesellschaft: eigenverantwortlich, sich selbst organisierend und motivierend. Aus Angestellten werden Mitunternehmer, aus Arbeitgebern Förderer und Fordernde. Auf ein solches Wirtschaftsmodell ist unsere von der Industriewelt geprägte Gesellschaft noch kaum vorbereitet. Das ändert sich aber.

Anke Patt:Wer hat den Begriff geprägt?
Daniel Dettling: Der US-Politikwissenschaftler Richard Florida hat vor Jahren den Begriff der „creative class“ geprägt und empirisch belegt, dass die Regionen und Metropolen ökonomisch erfolgreicher sind, welche die „drei T“ – Talente, Toleranz und Technologien – auf eine produktive und bereichernde Art und Weise verbinden. Das lässt sich auf die Faktoren und Indixes Patentanmeldungen. Anzahl von Akademikern, aber auch die Einstellung gegenüber Minderheiten und Zugewanderten herunter brechen. So sind laut Florida besonders jene Städte erfolgreich, die einen hohen Grad an Homosexuellen und Cafes aufweisen. Talent und Toleranz haben einen entscheidenden Vorteil: Sie wirken anziehend. Wo Raum und Platz für das Abweichende ist, wird auf innovative Weise nach Vorne gedacht.

Anke Patt: In unserer Wirtschaftsgesellschaft erleben wir aktuell nicht besonders viele motivierende Beispiele. Zumindest suggerieren uns das die Medien. Das führt auch zu einer gewissen Verdrossenheit. Was bedeutet der Ansatz für unsere Gesellschaft und jeden Einzelnen konkret? Gibt es jetzt plötzlich einen neuen Motivationsschub?
Daniel Dettling: Der Schub stellt sich natürlich nicht von selbst ein, sondern ist harte Arbeit und bedeutet einen langem Atem. Unternehmen und Politik müssen dabei erst lernen, Mitarbeiter und Bürger als Ko-Akteure und nicht als Objekte bzw. Kostenfaktoren zu betrachten, die ihnen Übles wollen. Auf dem Portal www.kreativeoekonomie.de finden Sie viele positive Beispiele solcher Unternehmer und Mitarbeiter. Die Kreativität und Vielfalt der Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital der neuen Wirtschaft. Unternehmen siedeln sich in Zukunft dort an, wo kreative Köpfe, ein Mindestmaß an Kultur (Theatern, Restaurants etc.) und eine positive Einstellung gegenüber neuen Technologien und Veränderungen dominieren. Kreativität ist ein Potenzial, das alle Menschen besitzen und in ihre berufliche Tätigkeit einbringen können. Zwar ist Wissen in einer kreativen Wirtschaft von großer Bedeutung, doch sind Forschungsergebnisse, Erfindungen oder aus Datenbanken abrufbare Informationen oft in großer Menge verfügbar.Es kommt darauf an, dieses Wissen in Produkte oder Geschäftsideen umzusetzen und damit ökonomisch nutzbar zu machen.

Anke Patt: Klingt wie ein Credo. Und wenn man das Beispiel liest, bekommt man auch richtig Lust anzupacken. Doch wo? Und wie?
Daniel Dettling: Ganz alleine wird es nicht gehen. Entscheidend sind Allianzen und Initiativen vor Ort. IHKs, Bürgermeister, Stadt- und Gemeinderäte, Gewerkschaften, Kirchen und Verbände, aber auch Bürgerinitiativen und Stiftungen sind wichtige Akteure einer Kreativen Ökonomie. „Diversity“, also die Lust auf Vielfalt und Unterschiedlichkeit ist ihr Kitt. Konkret: Starten Sie einen Wettbewerb der Unterschiede! Was macht unsere Stadt, unsere Region so besonders? Wo heben wir uns ab? Wie wollen wir uns von anderen unterscheiden, ohne auszugrenzen? Die Unternehmen sollten hier die Initiative ergreifen und nicht wie bislang auf Politik und Verwaltung warten.

Anke Patt: Das Beispiel zeigt, dass Kreativität nicht im Elfenbeinturm stattfindet, sondern gerade dort, wo verschiedene Menschen gemeinsam Ideen bündeln und zu ihrer Sache machen. Ein Ansatz, den wir auch bei „Gründen im Team“ leben. Was möchten Sie den Gründern und Unternehmern zurufen? Oder auch jedem Menschen, ganz individuell – für die Mitgestaltung der ökonomischen Zukunft
Daniel Dettling: „Auf den Unterschied kommt es an!“ Und damit auf jeden Einzelnen. Der Rest ist gemeinsamer Wille und die Selbst-Verpflichtung zur Kooperation.

Anke Patt: Seit Januar 2008 gibt es ein neues Portal zum Thema: www.kreativeoekonomie.de Was war der Impuls dafür und was ist das Ziel? Daniel Dettling: Nordrhein-Westfalen steht wie kaum eine andere Metropolregion in Europa vor einem fundamentalen Umbruch. Die Steinkohlezeit ist passe, die Reise ins Neue noch ungewiss. In Zeiten tiefgreifender Veränderungen braucht es starke Leitbilder und gemeinsame Ziele. Ministerpräsident Rüttgers und Wirtschaftsministerin Thoben haben diese Herausforderung erkannt und machen sich den Begriff der Kreativen Ökonomie zueigen. Das Projekt ist bislang ein „Call for Proposal“. Jeder ist aufgerufen, Ideen und Vorschläge einzureichen und mitzuwirken. Folgen müssen sicher bald konkrete Verabredungen und Vorhaben auch auf regionaler und lokaler Ebene.

Anke Patt: Es gibt ja schon einige Kampagnen, die motivieren und jeden Einzelnen im Verständnis um seinen Beitrag für das große Ganze motivieren wollen. Ich denke da an „Du bist Deutschland“ und „Die Gesellschafter“. Worin unterscheidet sich die nordrhein-westfälische Initiative? Und was sind die nächsten Schritte?
Daniel Dettling: Die Initiative der Wirtschaftsministerin stellt die Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Betriebe, in den Mittelpunkt und setzt auf ihre Beteiligung und ihr Engagement. Mehr Politik im Sinne von Selbst-Verpflichtung und weniger PR ist das Ziel. Über das Portal www.kreativeoekonomie.de haben die Unternehmen erstmalig in NRW die Möglichkeit, sich als kreative Unternehmen zu registrieren und international zu vernetzen. Aus der Vogelperspektive der globalisierten Welt ist NRW nur ein Fleck, wenn auch ein aktiver. Wer das Land aus dem Weltall betrachtet, stellt übrigens fest, dass hier die Lichter nie ausgehen. Die Initiative will dazu beitragen, dass das so bleibt.

Anke Patt: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Über die Autoren

Dr. Daniel Dettling, Politikwissenschaftler und Jurist ist Gründer und Vorstandsvorsitzender des Think Tanks berlinpolis. Er ist Herausgeber der edition Berliner Republik, Mitgründer der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung (degepol) und Vorstandsmitglied des Club von Berlin. Dettling gehört zu den 100 wichtigsten jungen Deutschen (NEON) und zu den 40 einflussreichsten Männer unter 40 (GQ). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Anja Fischer ist Leiterin des Bereichs Onlineprojekte und Onlinekommunikation des Think Tanks berlinpolis. Die Kommunikationswirtin und ausgebildete IT-Kauffrau hat zahlreiche Projekte im Kultur- und Sozialmarketing u.a. für das Goethe-Institut betreut.

Anke Patt, Kommunikationsgestalterin mit langjähriger Marketingerfahrung auf beiden Seiten des Schreibtischs, sieht in der Entwicklung eines authentischen und kundenorientierten Unternehmensleitbildes einen wesentlichen Aspekt ihrer Kommunikationskonzepte. Im Rahmen des Projektes GiT und der GiT-Gründer-Community drehen sich gerade daher viele Themen um Positionierung "mit dem Kunden im Visir".

Quelle: Gründen im Team

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