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Führungskräfte unter Druck

Heinz Peter Wallner

05.12.2013 ·  Führungskräfte stehen immer häufiger unter Druck. Die sich schneller verändernde Weltwirtschaft und die gesellschaftliche Entwicklung, die Mitarbeiter zu schutzbedürftigen Mimosen macht, taugen als Ausrede fürs Versagen immer weniger. Der Schutzschild der die Führungskraft einst abschottete, ja unnahbar machte, verliert immer mehr seinen Zauber. Hilflos, auf die nackte eigene Persönlichkeit reduziert, müssen sie sich dem Wandel stellen. Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Führungsalltags geht immer weiter auf. "So fühlt der Chef!" - Dr. Heinz Peter Wallner wagt den Blick in die Führungsetagen aus einer anderen Perspektive.

Heinz Peter Wallner

Dr. Heinz Peter Wallner ist Change Berater, Führungskräfteentwickler und Coach. Mit seinem Beratungsunternehmen Wallner & Schauer betreibt er ein Büro in Graz und in Wien. Seine langjährige Erfahrung aus vielen Change-Projekten und aus der Arbeit an der ganzheitlichen Entwicklung von Menschen fließt in seine Sachbücher und in seinen Blog ein. Er versteht sich als Wegbegleiter in Zeiten der Veränderung. » http://www.hpwallner.at

Heute werden Führungskräfte in kritische Situationen gebracht. Einerseits sollen sie die Probleme des Unternehmens lösen und stehen unter hohem strategischen Erfolgsdruck. Andererseits sollen sie als gute „Leader“ Menschen für einen verdammt schweren Weg begeistern und kommen so unter persönlichen Druck. Dass die Welt immer komplexer und diese Aufgabe immer schwieriger wird, wissen wir, aber das taugt nicht als Ausrede für Misserfolge. Zusätzlich entziehen wir den Führungskräften ein wirkungsvolles Schutzschild, das vor 20 Jahren noch hoch wirksam war. Wir werfen die Führungskraft auf sich selbst zurück, fordern ein authentisches Selbst und zwingen sie, die Schutzfunktion einer sozial anerkannten Rolle abzuwerfen. Jetzt stehen sie da, nackt und verletzlich, konfrontiert mit den eigenen Schwächen und müssen mehr denn je Stärke zeigen. Welcher Mensch soll das freudig auf sich nehmen? Die Schere zwischen dem Anspruch an Führungskräfte und die gelebte Wirklichkeit geht immer weiter auf. Es ist an der Zeit, die Situation der Menschen in Führungsverantwortung einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Die gute alte Bürokratie

Eine wertvolle und effiziente Organisationsform, die viel zu leisten im Stande war, wurde von den Entwicklungen der postmodernen Gesellschaft in die Verdammnis verabschiedet. Alles, was nach Bürokratie klingt, wird denunziert und Bürokraten werden als Geißel für Organisation und Mitarbeiter erkannt und in die Frühpension abgeschoben. Niemand will öffentlich heute noch als Bürokrat bezeichnet werden. Alle Führungskräfte sind im modernen Management ausgebildet, lieben Malik, Sprenger und Co mehr als sie sie lesen, und hängen den Heerscharen von erfolgsversprechenden Leadership-Speakern dankerfüllt an den Lippen. Leadership ist die neue Heilslehre. Aus der Perspektive der Führungskräfte tut diese Entwicklung aber ziemlich weh. Wo dieser Schmerz herkommt und warum er vielerorts immer stärker wird, möchte ich hier kurz ergründen.

Die Rolle des Vorgesetzten

Wann haben wir eigentlich damit aufgehört, dem Vorgesetzten seine Rolle zu gönnen? Wann hat der Vorgesetzte seine automatische Anerkennung, die mit seiner Rolle verbunden war, verloren? Ich sage einmal, vor mindestens 20 Jahren hat die Rolle des Vorgesetzten ihre schützende Kraft eingebüßt. Schon in den frühen Siebzigerjahren hat Richard Sennet (Verfall und Ende des öffentlichen Lebens) den Verlust der Trennung zwischen öffentlicher Rolle und privater Person festgestellt und die negativen Auswirkungen auf unser Leben diskutiert. Kein Wunder, dass diese Entwicklung vor Unternehmen und Organisationen nicht halt gemacht hat.

War es nicht einmal so, dass mit der Rolle des Vorgesetzten so viel mittransportiert wurde, was für den Menschen in dieser Rolle extrem hilfreich und entlastend war? Vorgesetzter zu sein war eine gute Sache. Mehr Geld, gesellschaftliche Anerkennung, vollkommen unabhängig von persönlicher Führungsleistung, eine Vielfalt an Masken, die in vielen Situationen kritiklos einsetzbar waren. Hinter diesen Masken durfte der Vorgesetzte seine Persönlichkeit verstecken, sein Selbst schützen und seine Schwächen verbergen. Vorgesetzte hatten ein gewisses Prestige, ein bestimmtes Maß an Autorität, das von Mitarbeitern anerkannt wurde. Hinter unangenehmen oder gar schmerzhaften Verhaltensweisen wurde die Pflicht erkannt, die der Vorgesetzte zu erfüllen hatte. Im Auftritt wurde immer nur die Maske gesehen und niemals das Gesicht des Menschen dahinter.

Rolle und der Schutz der Pflicht

Mit einer großen Selbstverständlichkeit durften Vorgesetzte die Vorgaben „von Oben“ zur Umsetzung bringen, sie durften Kontrolle ausüben und selbst in einen Kontrollwahn verfallen, um Fehler zu vermeiden und niemand war davon irritiert, wenn Vorgesetzte sich streng an die Kommunikation in der Linie hielten. Es war doch in Summe ihre Pflicht, sich genau diesen Aufgaben zu widmen und es war akzeptiert, bis zu einem bestimmten Tag. Dieser Tag des Wandels ist aber ohne große Fanfaren gekommen. Lautlos hat er sich in die Wirtschaftswelt geschlichen und den Vorgesetzten alle Masken und Schutzschilder gestohlen. Oft haben Vorgesetzte es noch gar nicht begriffen, dass sie heute - nackt und auf sich selbst zurück geworfen - vor den Mitarbeitern stehen. Aus vormals Vorgesetzten sind Führungskräfte oder Leader geworden. Sicherlich klingt das moderner und spannender. Aber ist das ein Ersatz für das Schutzschild der alten Rolle? Starke Persönlichkeiten, die sich darauf vorbereitet haben, spielen heute ein neues Spiel ohne Masken und das ist gut so.  Weniger starke Menschen fühlen sich extrem unter Druck gesetzt und bringen alle persönlichen Energien für den Schutz ihres Wesens auf. Gepaart mit dem strategischen Druck reicht das längst aus, um richtig zu verzweifeln oder dem Burn-out Tür und Tor zu öffnen.

Schutzlosigkeit der Menschen

Diese Entwicklung traf auch die Mitarbeiter. Auch sie sind heute nicht mehr in der Rolle des Mitarbeiters, der auf seine Arbeit schimpfen darf, der einfach für Geld seine Arbeit tut. Weit gefehlt! Heute muss der Mensch aus der Rolle heraustreten, muss sich mit der Arbeit als Wesen identifizieren, dabei selbstverständlich motiviert sein, oft gar sein Glück darin finden und in voller Selbstverantwortung einsichtsvoll alle Entwicklungen hinnehmen. Wer schimpft, wird sozial ausgeschlossen und jede Form der Unzufriedenheit, wird den Menschen als persönliche Schwäche ausgelegt. Diese Entwicklung macht Mitarbeiter zu sozial schwierigen Wesen, die keinen Vorgesetzten mehr ertragen können, sondern eine Führungskraft brauchen, die sie hilfreich an der Hand nimmt. Obwohl beide Seiten – Führungskraft und Mitarbeiter – auf sich selbst zurückgeworfen wurden, wird das besonders der Führungskraft zur Last. Standen zuvor zwei Masken einander gegenüber und sahen im Vorgehen des anderen eine Art gesellschaftlicher Verpflichtung, stehen heute zwei verletzliche Menschen Aug‘ in Aug‘ und empfinden einander als Wesen, die in fremde Privatsphären eindringen wollen. Weil per Definition von Führung immer die Führungskraft von den Mitarbeitern etwas will und im Sinne der Ziele beeinflussen muss, liegt der „schwarze Peter“ bei der Führungskraft.

Demotivation und Mimosentum

Mitarbeiter haben als Menschen heute das Recht, nicht mehr über Gebühr belastet zu werden. Jeder ist Mensch und muss schonend entwickelt werden. Es spielt keine Rolle, wenn sie nicht begeisterungsfähig sind, viel wichtiger ist es, dass sie nicht belästigt werden. Führungskräfte müssen Menschen für Ziele begeistern, müssen in harten Zeiten Glück und Energie verströmen und sich gleichzeitig entschuldigen, die Menschen mit Zielen zu belästigen. Die Führungskraft sagt heute kaum noch: „Wir müssen diese Ziele gemeinsam erreichen und jeder einzelne von ihnen macht mit“, wissend, dass es eine Zumutung ist und sicher mit erheblichen Unannehmlichkeiten für alle verbunden ist. Vielmehr sagt sie heute: „Ich verstehe ihre Lage und sehe ein, dass alles hier eine Zumutung für sie ist, aber bitte könnten sie mit mir über Ziele reden? Vielleicht schaffen wir das ohne große Belästigung. Ich setze alles daran, sie zu unterstützen …..“. Die Komfortzone wird als Menschrecht verstanden und darf nur mit Einwilligung der Mitarbeiter verlassen werden. Leadership aber fordert ganz etwas anderes. Ein Leader hilft den Menschen über den eigenen Schatten zu springen, er fordert unverblümt auf, die Komfortzone zu verlassen und die Unannehmlichkeit der Entwicklung auf sich zu nehmen. Wissend, dass am Ende ein Ort erreicht werden kann, der sonst unentdeckt bliebe und, dass das Glücksgefühl der erfolgten Anstrengung nicht erlebbar gewesen wäre.

Das unerhörte Leadership-Geschwafel

Wo aber finden wir in der heutigen Entwicklung noch den Boden, auf dem der Leader seinen Acker bestellen könnte? Was hilft all das Leadership-Geschwafel, das im geschützten Raum der Seminare über Menschen ergossen wird, wenn gesellschaftliche Entwicklungen das genaue Gegenteil fördern? Ist es nicht geradezu unerhört, wenn gepeinigten Führungskräften erzählt wird, wie wichtig die innere Berufung und die Erfüllung im Beruf ist? Wer demotiviert durchs Leben läuft und sich von den Umständen entmutigen lässt, hat es einfach nicht begriffen. Viele Coaches posaunen: „Es sind nur drei Schritte zum Glück, der erste ist der Kauf meines Buch, der zweite der Besuch meines Seminars, wo es eine teure Illusion des einfachen Glücks gibt und dann folgt der dritte Schritt, das Schweigen über die erfolglosen Bemühungen und leidvollen Niederlagen.“ Zusammengefasst in fünf Worten: ‚Sei du selbst und leide’.

Was Trainer leisten können

Natürlich gibt es den anderen Pol auf dieser Welt, den ich in diesem Artikel absichtlich ausgeblendet habe. Es gibt die Organisationen, die Leadership fördern, die Menschen wie freie Wesen behandeln und wertschätzend in sinnvolle Arbeitsprozesse involvieren. Es gibt sie, die wirklichen Leader und es gibt sie, die Menschen, die Glück und Dankbarkeit bei ihrer Arbeit empfinden. Nur sind sie weniger häufig im Leben anzutreffen, als jene, die der Verzweiflung nahe sind. Gute Trainer können Menschen in Seminaren durch empathische Kommunikation für die Reden über Glück und Erfüllung leicht gewinnen. „Be Yourself!“ leuchtet ein, authentisches Agieren ist leicht argumentierbar, Glück im Beruf ist ein wunderbares Leitbild, aber sind das alles mehr als Illusionen, die sich nur in Ausnahmefällen wirklich nachhaltig leben lassen? Fraglich bleibt zumindest, ob Menschen nicht lieber zunächst ihre Verzweiflung ausleben und nach wirklich gangbaren Lösungen suchen sollten. Lösungen, die dort ansetzen, wo die Menschen sind, nämlich in Situationen, die immer unerträglicher werden und vom Flow so weit entfernt sind, wie ein Kaktus vom Dasein eines Kopfkissen.

Mehr Verständnis für schwache Führungskräfte

Heute wundere ich mich nicht mehr über Vorgesetzte, die sich einer Entwicklung zur modernen Führungskraft verwehren. Ich kann verstehen, wenn sich ein Mensch weiterhin hinter vermeintlichen Masken und vergangenen Rollenbildern als Vorgesetzter verstecken möchte und sich der Realität der sozialen Nacktheit verschließt. In dieser Schmollecke sitzt kein unverbesserlicher Trotzkopf, sondern ein verletzbares Individuum, das mit all seinen Schwächen und wunden Punkten dem harten sozialen Treiben hilflos ausgesetzt ist. Der Leadership-Cult setzt hier noch einen drauf und trifft mit jedem Schlag tief in die Magengrube. Es ist die Stimme eines Dämons, der hinüberruft: „Warum versteckst du dich? Sei kein Feigling, stelle dich den Herausforderungen deiner Mitarbeitermonster. Freue dich, denn du wirst scheitern“.

Ein Problem ist es trotzdem

Einerseits kann ich viel Verständnis für diese Menschen aufbringen. Andererseits ist mir auch klar, dass Verständnis und Einsicht keine Kraft für Entwicklung freisetzen kann. Dazu bräuchte es Widerstand und Empörung. Die quälende Frage also lautet nun: Wenn wir den Menschen Veränderung nicht mehr zumuten dürfen, wie werden wir all die kommenden Krisen gut überstehen? Wenn wir Menschen schützen und für schwach erklären, fördern wir das Schwache. Wenn wir aber den vermeintlich Schwachen etwas zumuten und damit auch zutrauen, kann aus Schwäche plötzlich Stärke werden. Das ist kein Plädoyer für einen rüden Umgang mit Menschen. Ich glaube es ist das Gegenteil. Menschen brauchen Herausforderungen, sie sind meist dankbar, wenn wir ihnen etwas zumuten und wenn sie das Unangenehme erleben dürfen. Es fühlt sich nämlich unglaublich lebendig an. Nichts ist schlimmer für Menschen, als sie für Looser zu halten, als schwach abzustempeln und in Veränderungsstarre liegen zu lassen. Also doch: Wir brauchen Führungskräfte, die nicht mehr länger in der Ecke sitzen und leiden wollen und Menschen, die sie da raus holen!

 

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