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Etwas mehr Emotionen bitte!

Horst Lempart

21.01.2016 ·  Für Emotionen - ganz gleich ob Freude oder Trauer, ob Angst oder Zuversicht - gilt gerade im öffentlichen Raum: Besser man lässt sie nicht zu. Emotionen ja, aber nur solange Sie nicht stören. Ein stillschweigender Konsenz, der unsere alltägliche Kommunikations -und Entscheidungsprozesse belastet. Denn wir entscheiden niemals nur rational. Markus Hornung spricht über die Bedeutung der Emotionen und die Folgen ihrer Abschaffung im öffentlichen Kontext.

Horst Lempart

Markus Hornung, Jahrgang 1966, lernte während eines USA-Aufenthaltes 1995 das Konzept der Emotionalen Intelligenz kennen und beschloss 1997, dem Schuldienst Lebwohl zu sagen und sich als Trainer und Berater selbständig zu machen. Seither beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Thema Werte und Emotionen. Er gründete mit zwei Partnerinnen 2003 das Beratungs- und Trainingsunternehmens EQ Dynamics in München und ist seither gefragter Experte und Redner zum Umgang mit Emotionen.  » http://www.eqdynamics.de

Horst Lempart: Wie kommen Sie zu der frustrierenden Erkenntnis, dass Emotionen nur stattfinden, wenn sie nicht stören?

Markus Hornung: Schon 1995 schrieb Daniel Goleman von der „emotionalen Intelligenz“. Nachdem Bill Clinton das Buch gelesen hatte wurde es in einer Millionenauflage verkauft. Damals glaubten alle, dass mit dem Thema „Emotionen“ eine neue große Welle in der Psychologie und Menschenführung entstehen würde. Die Neurowissenschaftler, die Philosophen, die Berater, alle waren plötzlich überzeugt, auf dieser Welle mit reiten zu müssen. Ich habe damals gehofft, Emotionen würden durch diesen Trend einen größeren Raum in Wirtschaft und Politik einnehmen. Leider ging diese Hoffnung nicht auf.

Kommunikations- und Entscheidungsfaktoren haben eindeutig mehr Gewicht verdient, denn keine Entscheidung ist rational.  Die Neurobiologie hat mehrfach nachgewiesen, dass bei Entscheidungen unser Gefühlszentrum maßgeblich beteiligt ist. Allerdings sind Angst, Ärger und Trauer noch immer große Unbekannte oder Tabus in den Betrieben. Das finde ich schade.

Am Münchner Hauptbahnhof wurde durch die Terrorwarnung zu Sylvester in dramatischer Weise wieder deutlich: Es ist nicht die Realität, vor der wir uns fürchten, sondern es ist unsere Vorstellung von ihr. Die Menschen sorgten sich schon um das Wohlergehen ihrer Freunde und Angehörigen, obwohl (Gott sei Dank) gar nichts passiert war. Die Relationen gehen verloren, natürlich auch dann, wenn die Nerven blank liegen, aber eben nicht nur.

Bei vielen Dingen finden sich die Leute einfach mit Ihrer Situation ab: „Da kann man ja eh nix dran ändern“.  Ob Klimawandel oder Bildung, der Durchschnittsbürger ist Opfer der Umstände. Wenn ich in unseren Seminaren die Teilnehmer nach deren Haltung zur Umwelt- oder Bildungspolitik frage, dann sind die Antworten teilweise echt frustrierend. Aber über die letzte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungelcamp“ sind die Leute gut informiert und emotional heftig beteiligt.  Ich frage mich, wann diese Prioritätenverschiebung stattgefunden hat?

Wir haben heute die Grundhaltung, dass alles ersetzbar ist. Das mag dazu führen, dass wir uns mit unseren Werten nicht mehr aktiv auseinandersetzen. Alles scheint allzeit verfügbar zu sein. Material wird ersetzt, „Freunde“ stehen bei Facebook & WhatsApp auf Knopfdruck abrufbereit. Ware wie Beziehungen werden zur verfügbaren Masse. Hinter der Unfähigkeit loszulassen steckt aber vielleicht auch die Angst, das zu verlieren, was vordergründig wertvoll erscheint. Sichtbar wird das in übervollen Schränken, Bilddokumentationen für die Ewigkeit und gesicherten Chat- und Email-Protokollen. Auch hier dient Facebook dazu, selbst die banalsten Dinge zu inszenieren und zu dramatisieren um sie künstlich aufzuwerten.

Wirkliche „Wutbürger“ werden durch die Inflation der Werte diskreditiert. Bei den Demonstranten am Stuttgarter Hauptbahnhof stehen ja Wertverletzungen und Emotionen dahinter, die man nicht so einfach versachlichen kann.

An wen richten Sie sich mit Ihrem Buch?

Diese Frage wurde mir vom Verlag natürlich auch gestellt. Und nach langen Diskussionen einigten wir uns darauf, dass Führungskräfte sich in besonderer Weise durch mein Buch angesprochen fühlen sollen. Beim Schreiben fiel mir dann auf, dass als weitere Zielgruppe auch Eltern, Verkäufer, Berater und alle Interessierten hinzukamen. Aus Marketingsicht ist das total bekloppt, aber die Leser geben mir recht. Unsere Geschichten sind einfach zu vielfältig für eine eng begrenzte Lesergruppe. Familiengeschichten finden sich ebenso wieder wie Führungssituationen und Seminarerfahrungen. Alles gehört hier hinein. Die Prinzipien nach denen Emotionen und Motivation funktionieren sind kontextunabhängig.

Welche Rolle spielen Werte bei der emotionalen Intelligenz?

Werte haben eine Bewusstsein schaffende Wirkung. Was ist mir in meinem Leben wichtig? Warum bin ich oft traurig? Wenn Basisemotionen, zu denen z.B. Angst, Trauer und Freude gehören, sich auf Werte zurückführen lassen, dann beginnen diese Werte eine besondere Bedeutung zu haben. Bevor wir in unseren Seminaren über „emotionale Intelligenz“ sprechen schalten wir das ganze Werte-Thema vor. Die Teilnehmer machen große Augen, wenn sie sich die Frage stellen: Was ist mir wichtig? Diese Frage kommt im Alltag offensichtlich bei vielen zu kurz. Die Wertefrage koppelt sich an die Sinnfrage. Viele Menschen suchen nach Sinn, beschäftigen sich aber nicht mit ihren Werten. Im Gegenteil: Es ist erstaunlich wie oft mir Teilnehmer begegnen, die nach den Werten und Erwartungen anderer Menschen leben und dabei sich selbst vergessen.

 Eine ganz zentrale Frage ist für mich: Was bringt uns zum Lächeln? Die Emotion dahinter ist die Freude. Also: Was erfreut uns? Wenn wir in den Workshops die Teilnehmer diese Frage beantworten lassen, sind viele von dem Ergebnis überrascht. Erstens ist es bereits eine Herausforderung zusammenzutragen, was Freude bereitet. Und zweitens ist es eine noch größere Herausforderung  auf den Punkt zu bringen, wie sich die Freude konkret anfühlt. Die sprachliche Verrohung und Verarmung führt dazu, dass wir kaum mehr differenziert ausdrücken können was uns bewegt. Wir verarmen auch emotional. Andererseits dramatisieren wir vieles. Wenn ich nur „Wut“ kenne, ist alles Wut. Aber es könnte auch Ohnmacht, Zorn, Groll, Verbitterung, Hass oder Feindschaft sein. Sprache schafft Realität.

Welche Bedeutung haben für Sie die Begriffe –Entscheidung- und –Verantwortung- für die tägliche „Bewegung durch Emotionen“?

Wir können keine Entscheidungen treffen ohne Emotionen. Emotionen sind immer auch körperliche Bewegungen, wenn wir von der Trauer mal absehen. Die Trauer ist nach innen gerichtet und manchmal kaum wahrnehmbar. Die anderen Emotionen wie Angst, Ärger oder Freude bewegen sich auf etwas zu oder von etwas weg. Für das Coaching ist daher körperliche Bewegung sehr gut, wenn Entscheidungen vorbereitet werden sollen.

Die Plastik „Der Denker“ von Rodin bewegt sich ja nicht, der Mann grübelt. Kreatives Denken braucht Bewegung. Man sagt ja auch in Besprechungen „es bewegt sich nichts“. Kohl und Gorbatschow haben die deutsche Wiedervereinigung beim Spazierengehen beschlossen, nachdem stundenlange Besprechungen ergebnislos geblieben sind.
 
Bewege dich und finde deine Antwort, die du verantworten kannst. Damit übernimmst du die Verantwortung für deine Emotionen. Einige Menschen neigen dazu, die Schuld für ihre Emotionen anderen zuzuschieben und teilen damit die Welt in Opfer und Täter. Ich habe mir angewöhnt nicht mehr in Schuld-Kategorien zu denken sondern nur noch in Verantwortungen.

Was ist für Sie Glück?

Für mich ist Glück ein nicht inflationär auftretender, exklusiver Moment. Er darf gern mehrfach am Tag auftreten, besondere Glückmomente begegnen mir vielleicht auch nur einmal im Leben. Ich bin dann mit meiner Welt und meinen Werten im Reinen. Glück ist die höchste Intensität der Basisemotion Freude und damit die größte Werteerfüllung. Ein Neurowissenschaftler würde wohl sagen : Andauerndes Glück ist biologisch schon gar nicht möglich, weil Glückshormone nicht dauerhaft ausgeschüttet werden können. Die US-Amerikaner scheinen ja eine Art „Menschenrecht auf Glück“ zu haben. Ich fühle mich da eher dem Buddhismus verbunden, der Glück als eine Lebenshaltung versteht. Die Philosophie liefert hier mehr Denkanstöße als die Psychologie.

Wie lautet Ihre persönliche Strategie für 2016?

Ich werde mich in diesem Jahr nicht mehr so vereinnahmen lassen von fremden Interessen. Meine obersten Werte sind Freiheit und Unabhängigkeit, die mir in 2014 und 2015 zu sehr in den Hintergrund gerückt sind. Ich hatte das Gefühl mehr und mehr fremd gesteuert zu sein. Im Kampf um mein eigenes Wertesystem nehme ich mir wieder die Freiheit auch mal „Nein“ zu sagen.

 

Das Interview führte Horst Lempart

Er ist Coach, Speaker und mehrfacher Buchautor. Am liebsten sieht er sich in der Rolle des "Persönlichkeitsstörers". Sein Markenzeichen ist „Respektlos zum Problem, wertschätzend zum Klienten“. Denn nur so lassen sich wirkliche Ursachen benennen und funktionierende Lösungen erarbeiten. Wirkmacht statt Ohnmacht. http://www.spectrumcoaching.de

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