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Es lebe der Kompromiss, oder?

Ingo Radermacher

10.10.2019 ·  Ob in der Wirtschaft, in der Politik oder im Privaten: Es lebe der Kompromiss. Man hat unterschiedliche Vorstellungen? Konträre Auffassungen? Ein Kompromiss muss her. Unbedingt. Eifrigst gesucht, flugs gebastelt. Er möchte in die Berge, sie an die See? Kein Problem: auf Mallorca gibt es doch beides, oder? Das kann klappen. Doch der kleinste gemeinsame Nener birgt viele Risiken.

Ingo Radermacher

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph® und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für Klarheit im Denken. Zudem regt er als Autor und Keynote Speaker zum Selbstdenken an. Er zeigt, dass sich Probleme auch logisch lösen lassen. Als Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu reflektieren und auf deren Zukunft meinungsbildend Einfluss zu nehmen. » http://www.ingoradermacher.de

Denn es kann aber auch bedeuten: Er erkundet Tag für Tag auf Mallorca einsam mit dem Fahrrad die Bergstrecken, während sie am Strand über Sinn und Unsinn dieser Ehe nachdenkt. Und der gemeinsame Urlaub stellt sich nicht als gelungener Kompromiss, sondern als Illusion heraus. Abends schließlich freut er sich auf ein leckeres Steak, »medium bis rare done«, und für sie ist vegan die bevorzugte Ernährungsform? Alles: Kein Problem – dank des Kompromisses. Denn es gibt doch »vegetarische Grillhähnchen«, oder? Möglicherweise dann ein weiteres Abendessen, bei dem beide Teller nahezu unberührt in die Küche zurückgehen – guten Appetit.

Den »kleinsten gemeinsamen Nenner« zu suchen und umzusetzen – darum geht es bei einem Kompromiss. Auf dem Spielplatz möchte der Vater nach Hause, die Tochter noch schaukeln? Mit »Jetzt noch fünf Minuten und dann ist es gut«, können beide prima leben, wie es scheint. Den jeweiligen Wünschen wurde hinreichend genüge getan – es lebe der Kompromiss! Manchmal, etwa bei der Erziehung, mag das auf den ersten Blick funktionieren. Doch nicht selten bleiben beide unzufrieden zurück – die Lösung hat einen faden Beigeschmack.

Was ist ein Kompromiss?

Ein Kompromiss ist eine »Übereinkunft durch gegenseitige Zugeständnisse« – so die Wortherkunft im Lateinischen. Bei einem Interessenkonflikt verzichten beide Verhandlungspartner auf einen Teil ihrer Forderungen – man trifft sich »in der Mitte«, das ist dann die Lösung. »Kuhhandel« nennt man so etwas gelegentlich in der Politik, und gerade die lebt von Kompromissen, heißt es. Bündnisse, Koalitionen ... – ohne Kompromiss geht nichts. Asylkompromiss, Rentenkompromiss oder Kohle-Kompromiss werden geschlossen – und besonders gerne auch ein: Koalitionskompromiss. Der kompromiss-suchende Interessensausgleich: nicht nur ein Akt der Vernunft, sondern politisch, etwa für westliche Demokratien, nahezu konstitutiv. Ebenso auf internationaler und globaler Ebene, etwa bei zwischenstaatlichen Verhandlungen, ein stets vernünftig scheinendes Ziel.

Nicht nur die Politik, auch Wirtschaft und Gesellschaft sind vom Kompromissstreben durchzogen – der Kompromissschluss wird oftmals »kompromisslos gefordert«. Und der Weg dorthin kann aufwendig werden. Übernächtigte Augen nach sprichwörtlichen Sitzungsmarathons zeigen: um Kompromisse wird gerungen. Sich dem zu verschließen, bedeutet: sich als »soziales Arschloch« zu outen.

Win-Win?

Gemeinhin setzen wir den Kompromiss gleich mit: Win-Win-Lösung. Deshalb finden wir ihn auch so erstrebenswert. Wir glauben, mit einem Kompromiss seien alle gut bedient, denn: Schließlich gewinnen alle. Doch, wer so denkt: irrt. Ein Kompromiss ist keine Win-Win-, sondern eine Lose-Lose-Lösung. Es geht stets um Abstriche, um Zugeständnisse, um Verluste in Bezug auf die eigene Position und das jeweils Gewünschte. Es geht stets um »Weniger«. Der maximale Gewinn kann dann gegebenenfalls darin liegen, dass die andere Seite noch mehr Abstriche machen muss, noch mehr verliert ¬– der Kompromiss ihr noch mehr schadet als einem selbst. Um es mit Henry Kissinger zu sagen: »Ein Kompromiss ist nur dann gerecht, brauchbar und dauerhaft, wenn beide Parteien damit gleich unzufrieden sind.«

Alternativen zum Lose-Lose? In diese Richtung wird normalerweise nicht gedacht. Lohnverhandlungen sind ein gutes Beispiel: Die Arbeitnehmer fordern sechs, die Arbeitgeber bieten drei Prozent. Am Ende stehen dann: viereinhalb Prozent. Hier ein bisschen weniger, dort ein Quäntchen mehr. Denn darum geht es bei einem Kompromiss tatsächlich: um Quäntchen. Um: Quantitäten. Verhandelt werden im Grunde ausschließlich: Größenordnungen beziehungsweise Abstufungen. Prozentpunkte. Drei oder sechs beziehungsweise ein wunderbarer oder ein mittelprächtiger Urlaub. Dass es für alle Beteiligten besser wäre, nicht über Quäntchen – nicht über Quantitäten –, sondern über Qualitäten zu sprechen? Eine unwahrscheinliche Einsicht. Sie würde neue –schwierigere – Fragen nach sich ziehen: Was ist die Qualität eines wirklich als gut erlebten Urlaubs? Worin lässt sich die Qualität eines guten Erwerbslebens messen? Dass man beispielsweise weder mit vier noch mit viereinhalb Prozentpunkten wirklich etwas erreicht, dafür aber mit einer Flexibilisierung von Arbeitszeit und  ort, etwa durch ortsunabhängiges Arbeiten im Home-Office – weil dies den Mitarbeitern das Pendeln erspart? Eine solche ergebnisoffene Herangehens- und Denkweise fällt bei der Kompromiss-Suche ¬– dem Ringen um den »Sieg nach Punkten« – schon per definitionem unter den Tisch.

Das tatsächliche Win-Win: kein Sieg nach Punkten

Wirklich gute Lösungen liegen oft in einem Bereich, wo es nicht um drei, vier oder viereinhalb Prozentpunkte geht. Sondern – worum?

Hier nähern wir uns der eigentlichen Frage. Sie lautet: Worum geht es – wirklich? Diese Frage markiert den Weg zu einem optimalen Verhandlungsergebnis; und er führt exakt über das, was wir Menschen nachdrücklich scheuen: Nachdenken.

Wenn wir über Kompromisse »nachdenken«, bedeutet das normalerweise: Darüber nachzudenken, wie wir uns selbst beziehungsweise unsere Position und unsere Forderungen größtmöglichst »aufplustern« im Interesse eines für uns »optimalen Verhandlungsstarts«, um schließlich am Ende trotz allem noch maximal gut »rauszukommen«. Das ist hier nicht gemeint. Sondern: Nachdenken über die tatsächlichen Ziele, Interessen und Anliegen – hinter den Positionen. Hier liegt der Ansatzpunkt für ein »Win-Win«, das seinen Namen auch wert ist.

Das Harvard-Konzept, eine Methode zum sachbezogenen Verhandeln aus den 1980er Jahren, schlägt dazu als Strategie vor: für sich selbst die beste und nach eigenem Ermessen gegebenenfalls konsensfähige Alternative zur eigenen Forderung – also quasi einen »Plan B« – zu formulieren. Damit hat man nicht nur jederzeit beim Verhandeln eben eine realistische Alternative im Kopf, sondern das Nachdenken über »Plan B« trägt insbesondere zu vertieftem Verständnis der eigenen und der gegnerischen Ziele und Anliegen bei und zu einer besseren Sachorientierung. Und daran mangelt es schließlich im allgegenwärtigen Kompromissstreben nicht selten. Der vernünftigen Sachorientierung stehen dort Ego und Durchsetzungswille oftmals in einem Ausmaß entgegen, dass schließlich keiner mehr so richtig weiß, was eigentlich »Sache ist«. Worum ging es nochmal – genau?

Gerade wenn es um Menschen und vielleicht um Beziehungen zwischen ihnen geht – wenn eventuell vermehrt auch Emotionen im Spiel sind –, ist die Frage essentiell: Worum geht es wirklich – bei dieser Auseinandersetzung? Was ist Verhandlungsziel? Sachkenntnis und Verständnis für die Beweggründe, Ansichten und Haltungen zu erlangen und zu vertiefen – die eigenen und die des Verhandlungspartners: Nichts ist wichtiger im Hinblick auf ein tatsächlich gutes Ergebnis, das als solches auch Bestand hat.

Denken und Kreativität – statt Schachern und Feilschen

Wenn ein Kompromiss ein »Herunterrechnen« und Schachern bis zu einem Punkt ist, an dem schließlich vom ursprünglichen Anliegen nicht mehr wirklich etwas realisiert wird – was ist dann die Alternative? Das qualitativ Neue! Das überraschend Andere! Nicht das Feilschen um vier oder viereinhalb Prozent! Sondern: Anders arbeiten! Etwa im Home-Office, ohne tägliches stundenlanges Pendeln. Hier liegt beispielsweise, folgen wir einschlägigen Arbeitswelt-Studien, ein genuines und großteils noch unerschlossenes Potential an Lebensqualität-Zugewinn, das durch einen oder zwei erfeilschte Prozentpunkte im Gehalt nicht im Geringsten aufgewogen wird.
Wie kommt man zu einem solchen – anderen, qualitativ neuen – Ergebnis? Es braucht, ich sagte es schon: Nachdenken. Und Kreativität. Und Mut zur Innovation. Es braucht, anders gesagt: das genuin Menschliche.

Konfliktlösung im Kontext des Digitalen

In unseren digitalen Zeiten lautet eine nicht selten gestellte Frage: Wo werden uns die Maschinen die Arbeit abnehmen – uns möglicherweise verdrängen? Was an Tätigkeiten in Familie, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik ist durch Algorithmen substituierbar?

Kuhhandel, Feilschen und Schachern um Prozentpunkte – zwischen sechs und drei die Mitte von viereinhalb Prozent zu errechnen –, all das ist von Informationstechnologien schneller, besser, effektiver bewerkstelligt als von uns Menschen. In dieser Hinsicht sind wir ersetzbar. Nicht ersetzbar sind wir indes dort, wo es um tiefes Verständnis und um tatsächliche Kreativität geht. Darum, aufzuspüren, was die wirklichen Anliegen hinter den Positionen sind. Und herauszufinden, welche vielleicht gänzlich neue, bisher nicht bedachte Option in diesem Fall sinnvoll sein könnte. Genau hier liegen menschliche »Alleinstellungsmerkmale«. Agile, algorithmische »Deep-learning-Verhandlungsführer« kommen an ihre Grenzen, wo es nicht um die Errechnung eines Kompromisses, sondern um die Kreation neuer Optionen geht. Hier ist der Mensch der Technik überlegen – vorausgesetzt, er weiß, worüber er verhandelt, er ist nicht zu faul, um selbst zu denken, und versteht seinen Verhandlungspartner. Dann ist ihm die Alternative zum Kompromiss möglich: der Konsens.

Konsens bedeutet, dem Wortursprung nach: »gemeinsamen Sinnes«. Hier sehe ich im digitalen Wandel die Forderung und Aufforderung an uns Menschen: Konsensbereitschaft und -suche als gesellschaftlichen Auftrag und menschliche Verantwortung zu begreifen. Und uns hierbei besondere Mühe zu geben, einen Unterschied zu machen, wo auch einer ist.

Zu dieser Verantwortung gehört dann sicherlich auch: Ambivalenzen auszuhalten. Nicht jeder Interessenkonflikt ist lösbar; nicht jede Divergenz kann in einen Konsens münden. Wenn ein solcher nicht zu erzielen ist, dann können beispielsweise gerade dauerhafte Beziehungen davon profitieren, dass nicht etwa um jeden Preis Zugeständnisse eingefordert und ein Kompromiss angestrebt wird, sondern sie profitieren schlicht auch einmal vom: Einlenken. Nachgeben. Nachgeben hat zu tun mit: Geben! Und darin liegt, bei einem menschlichen Gegenüber, eine Chance, vielleicht beim nächsten Mal auch etwas zu bekommen: das eigene Anliegen realisiert zu bekommen. Eine Garantie dafür gibt es nicht; denn wir sprechen hier – wohlgemerkt – nicht über einen aus wohlberechneten Zugeständnissen hervorgegangenen Kompromiss. Sondern wir sprechen über den Grund und Boden aus Vertrautheit, Wohlwollen und Güte, auf dem unser Miteinander gerade auch dank unterschiedlicher und genuin neuer Erfahrungen und Anliegen gedeiht. Insofern: Der Kompromiss ist sicher nicht die einzige und vor allem vielfach nicht die erstrebenswerte Lösung. Stattdessen: Wagen wir es. Wagen wir, den Konsens zu suchen. Denkend, fragend, mutig, kreativ – eben: menschlich.

 

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