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Emotionale Killerphrasen

Markus Hornung

28.02.2020 ·  "Das wird schon wieder ..." ist als aufmunternde Floskel gemeint. Doch ist sie das wirklich? Markus Hornung zeigt, das viele dieser gut gemeinten Floskeln Killerphrasen per excellence sind. Denn genau betrachtet steckt viel mehr dahinter als wir auf den ersten Blick vermuten würden.

Markus Hornung

Markus Hornung, Jahrgang 1966, lernte während eines USA-Aufenthaltes 1995 das Konzept der Emotionalen Intelligenz kennen und beschloss 1997, dem Schuldienst Lebwohl zu sagen und sich als Trainer und Berater selbstständig zu machen. Seither beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Thema Werte und Emotionen. Er gründete mit zwei Partnerinnen 2003 das Beratungs- und Trainingsunternehmens EQ Dynamics in München und ist seither gefragter Experte und Redner zum Umgang mit Emotionen. » http://www.eqdynamics.de

Wir haben die wichtigsten To-dos im Umgang mit den Emotionen anderer entwickelt und damit eine gute Basis dafür geschaffen, dass diese Emotionen unserer Gesprächspartner ihren Zweck als Kommunikationssignale erfüllen können. Diese Betrachtung wäre aber nicht vollständig, wenn wir uns nicht auch gefährlichen Fettnäpfchen der emotionalen Kommunikation zuwenden würden. Denn es gibt tatsächlich typische Floskeln, die sie besser nie verwenden sollten und die noch viel problematischer sind, als das gerne falsch verwendete Wort »aber«. Es geht um eine bestimmte Sorte von Killerphrasen, die besonders gerne in Situationen benutzt werden, in denen jemand anderes emotional wird. Da diese Ihnen alles zunichtemachen können, was Sie bis jetzt zum Umgang mit Emotionen anderer gelernt haben, werden wir sie emotionale Killerphrasen nennen.

Was eine Killerphrase ist, wissen Sie. Es handelt sich dabei um jene Sätze, die von in ihrem Metier angeblich erfahrenen Menschen – ich nenne sie bisweilen auch Klugscheißer – immer dann aus dem Ärmel gezaubert werden, wenn es darum geht, Ihnen eine Lektion zu erteilen. Einige Beispiele sind »Dafür bist du noch zu jung!«, »Dafür sind Sie zu alt!« oder ein absoluter Klassiker, der bei mir sämtliche somatischen Marker in Wallung versetzt: »Das haben wir schon immer so gemacht!«

Eine allgemeine Killerphrase zeichnet sich also dadurch aus, dass sie einen bestimmten Umstand als unumstößlich, unveränderbar oder auch vollkommen abwegig zementieren soll und dem Empfänger kaum die Möglichkeit eines Austauschs oder einer Verhandlung eröffnet. Emotionale Killerphrasen versuchen das gleiche bei Emotionen anderer und sind daher für den Umgang mit deren Emotionen absolut tödlich!

Lassen Sie uns zum besseren Verstehen hierzu gedanklich ins Kino gehen! Stellen Sie sich folgende Situation vor: Es läuft etwas fürs Herz! Titanic! Es kommt, wie es kommen muss. Der Dampfer bricht auseinander, Tausende finden den Tod, unter ihnen auch unser Held Jack, der von Leonardo di Caprio gespielt wird und mit dem Jack in unserem Gehirn (der kleine Neurologe in unserem Kopf) weder verwandt noch verschwägert ist. Wir blicken an dieser Stelle auf die letzte Stuhlreihe im Kinosaal: Ein klassisch rollenverteiltes Paar sitzt dort. Er ist ein Macho alter Schule und seine Begleiterin ist so etwas wie der Schrecken aller männlichen Fans von Actionfilmen, nämlich eine nahe am Wasser gebaute Heulsuse. Folgendes spielt sich ab:

Er (denkt sich): »Sensationelle Special Effects! Wahnsinn, wie haben die das bloß gemacht? Der Cameron hat den halben Dampfer nachbauen lassen. Und als das Ding vorhin auseinandergebrochen ist, da ist einer vom Heck abgestürzt und an der Schiffsschraube abgeprallt, bevor er ins Meer fiel! Irre, was man mit Computern heute alles machen kann!«

Sie (schluchzend): »Mein Gott, ist das furchtbar! Und soooo traurig!«

Er (mit einem missbilligenden Seitenblick): »Komm Schatz, stell dich nicht so an! Ist doch nur ein Film!«

Meine Damen, haben Sie das schon einmal gehört? Kennen Sie das? Meine Herren, haben Sie das schon einmal gesagt? Und eine andere Frage: Haben Sie es schon jemals erlebt, dass die Gnädigste auf diesen Spruch folgendermaßen reagiert hat:

Sie (mit plötzlicher Erkenntnis und euphorischer Stimme): »Ha! Richtig!! Du hast recht! Hurra, schon geht’s mir besser!!«

Niemals! Viel wahrscheinlicher ist es doch, dass sie sich fragt, mit was für einem abgebrühten Kerl sie im Kino gelandet ist. Genau hier steigen wir in die genauere Betrachtung von emotionalen Killerphrasen etwas tiefer ein. Sie verzeihen mir übrigens, dass ich eine sehr stereotype Situation aus dem Gebiet Mann-Frau-Kommunikation gewählt habe. Alles, was folgt, trifft natürlich auf beide Geschlechter zu. Wenn Sie sich als Frau einmal einer emotionalen Killerphrase bedienen möchten, dann müssen Sie nur mit ihrem Partner in einen klassischen Männerfilm, zum Beispiel ein Weltuntergangsszenario à la Terminator II gehen und wenn sich dann die Maschinen und die letzten auf der Erde verbliebenen Menschen bekämpfen, fragen Sie ihren Begleiter ganz selbstbewusst und trocken, ob der ganze Film nicht doch »ein wenig unrealistisch« sei.

Worum also geht es? Wir sind es im Allgemeinen nicht gewohnt, mit den Emotionen anderer, wenn wir ihnen begegnen, anerkennend oder würdigend umzugehen. Je nach Naturell, Stimmungslage oder augenblicklicher Toleranzschwelle benutzen wir früher oder später Sprachmuster, die unterschwellig – oder besser gesagt auf einer Metaebene – folgende Botschaft vermitteln: »Ich sehe dich. Ich nehme wahr, dass du emotional bist. Ich komme damit nicht zurecht und darum möchte ich, dass du bitte sofort aufhörst, diese Emotion zu haben oder zu zeigen!«

Machen wir uns klar: Nichts anderes steckt auch hinter der Formulierung »Ist doch nur ein Film!«

Aus diesem Grund nennen wir Sprachmuster dieser Art auch emotionale Killerphrasen. Abgesehen davon, dass die Filmindustrie pro Jahr etliche Milliarden von Dollar umsetzt, eben weil sie Emotionen erzeugt – was dem Satz »Ist doch nur ein Film!« an sich bereits eine gewisse Absurdität verleiht – erreicht der Sender solcher Worte sein Ziel nicht. Niemand hört aufgrund einer derartigen Aufforderung auf, Emotionen zu haben! Und zwar schlicht und einfach, weil die Emotion, in dem Augenblick, in dem sie gezeigt wird, ein körperlicher Zustand, eine physiologische und neurologische Tatsache ist, ein Cocktail von Neurotransmittern im limbischen System. Diesem Cocktail ist es ziemlich egal, ob jemand seinem Besitzer zugesteht, diese Emotion haben zu dürfen!

Zur Erinnerung noch einmal unsere Definition: Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, eigene Emotionen und die Emotionen anderer sowie die dahinterstehenden Werte wahrzunehmen, zu differenzieren (also voneinander zu unterscheiden), glaubhaft anzuerkennen und vorausschauend und zielgerichtet mit ihnen umzugehen. Das Ganze so, dass es im Zusammenspiel mit rationalen Denk- und Verhaltensweisen zu einem für alle Beteiligten nutzbringenden Abschluss der Situation kommt.

Sie wissen: Eine Definition Emotionaler Intelligenz ist ohne den so zentralen Begriff der Anerkennung nicht vollständig und auch nicht praktikabel. Dies liegt zum erheblichen Teil daran, dass ohne eine vorherige Anerkennung eines emotionalen Zustandes eine Veränderung oder Loslösung von diesem nicht möglich ist. Dies gilt sowohl für eigene Emotionen als auch für die Emotionen anderer. Die ermächtigende Haltung lautet hier: »Es ist vollkommen in Ordnung, dass ich diese Emotion habe«, beziehungsweise: »Es ist vollkommen in Ordnung, dass mein Gegenüber diese Emotion hat.« Die hier beschriebene Betrachtung birgt ein wenig Brisanz, denn sie stellt einige der am meisten von uns gebrauchten umgangssprachlichen Äußerungen infrage. Wenn ich also als Trainer für Emotionale Intelligenz nach den Don’ts gefragt werde, ist meine erste und einzige Antwort:

»Lassen Sie die emotionalen Killerphrasen weg!«

Wenn wir uns vor diesem Hintergrund die Sammlung dieser gerne genommenen Redewendungen einmal ansehen, wundern wir uns nicht nur über deren Fülle, sondern wir wandern auch auf einem schmalen Grat zwischen Tragik und Comedy. Denn das Gemeinsame aller emotionalen Killerphrasen ist, dass sie Ihr Ziel, den anderen dazu zu bringen, seine Emotionen nicht mehr zu zeigen, nicht erreichen. Meistens führt die (unbedachte) Verwendung sogar noch dazu, dass die unerwünschten Emotionen verstärkt werden.

Viele dieser emotionalen Killerphrasen werden auch eingesetzt, um in Momenten der Trauer Trost zu spenden, eine grundsätzlich wunderbare und ehrenwerte Absicht. Nur leider lässt sich die Trauer dadurch wenig beeindrucken oder gar zum Verschwinden bringen. Zwei Klassiker dieser Gruppe sind zum Beispiel »Andere Mütter haben auch schöne Töchter!« und »Bis zur Hochzeit wird das alles wieder gut!« Die wenig Trost spendende Wirkung solcher gut gemeinten Ratschläge hat todsicher jeder von uns schon einmal am eigenen Leib gespürt.

Wir sammeln in unseren Seminaren diese Redewendungen seit Jahren und wissen: Wer sie verwendet, wird mit Sicherheit einen bleibenden Eindruck erzielen, nur leider nicht den, den er erzielen wollte. Lassen Sie uns einmal einen Blick auf die von uns gefundenen Top Ten der emotionalen Killerphrasen werfen, um einen intensiven Eindruck davon zu erhalten, wo der Hase lang läuft. Zur Illustrierung der tatsächlichen Wirkung habe ich einmal die spontane – natürlich nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich offen kommunizierte – Reaktion von Jack dazugeschrieben:

Die Top Ten der emotionalen Killerphrasen

Platz 10: »Es hätte schlimmer kommen können!« – »Sagt wer? Was könnte denn schlimmer sein? Und was soll mir das nützen?«

Platz 9: »Jetzt reg dich doch nicht so auf!« – »Ich rege mich aber auf!!«

Platz 8: »Nun beruhigen Sie sich doch erst mal!« – »Wieso sollte ich? Das geht mir tierisch auf die Nerven! Ich beruhige mich nicht, nur weil Sie das wollen!«

Platz 7: »Das ist doch nicht so schlimm!« – »Doch! Ist es! Für mich ist es sogar ein Grund auszurasten!«

Platz 6: »Die Zeit heilt alle Wunden!« – »Das weiß ich selbst, du Klugscheißer! Aber im Augenblick habe ich keine Zeit und mir geht es jetzt gerade schlecht!«

Platz 5: »Das Leben geht weiter!« – »Schon klar, das ist mir auch bekannt! Wieso sollte das jetzt dafür sorgen, dass ich mich besser fühle?«

Platz 4: »Das wird schon wieder (werden)!« – »Das weiß ich und im Augenblick interessiert mich das nicht!«

Platz 3: »Nun mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten!« – »Ich gebe dir gleich deine Mücke, du Ignorant! Für mich ist das ein Elefant!!!«

Platz 2: »Du brauchst keine Angst zu haben« – »Das sagst du mir jetzt? Ich habe sie bereits! Ich habe die Situation schon vor einiger Zeit beurteilt und in meinem Gehirn sind alle Botenstoffe, aus denen die Emotion Angst besteht, bereits ausgeschüttet und bringen meine Neuronen zum Feuern! Soll ich denen jetzt sagen, dass sie damit aufhören müssen, weil ich vor einigen Sekunden angeblich ein Wahrnehmungsproblem hatte?«

Ich bin mir durchaus bewusst, dass die Einordnung des Satzes »Du brauchst keine Angst zu haben« als emotionale Killerphrase bei einigen von Ihnen hochgezogene Augenbrauen oder Kopfschütteln verursachen wird. Gehört dieser doch zum Standardrepertoire aller verständnisvollen Eltern und Führungskräfte. Trotzdem ist er ein klassisches Beispiel für sinnlose Kommunikation! Es ist genau, wie Jack es beschreibt: Die Situation ist bereits bewertet – also mit dem Wertesystem verglichen – worden. Die entsprechenden Neurotransmitter wurden im Gehirn bereits ausgeschüttet, sausen im limbischen System hin und her und erzeugen dort in Millionen von Nervenzellen ein neurologisches Feuerwerk, das wir eine Emotion nennen. Einschließlich der für sie typischen somatischen Marker. Diese Emotion ist in diesem Augenblick eine neurologisch-physiologische Tatsache, und wenn diese Emotion beispielsweise die Angst ist, macht der Satz »Du brauchst keine Angst zu haben!«, so wohlmeinend und beruhigend er gemeint sein mag, keinerlei Sinn! Die Angst ist bereits da! Mit einer ähnlichen Begründung könnten Sie zu einem beliebigen Passanten auf der Straße gehen und zu ihm sagen: »Den Arm, der an Ihrer rechten Schulter angewachsen ist, den brauchen Sie nicht zu haben!« Versuchen Sie das ruhig ein paar Mal und Sie werden merken, wie Ihre Umwelt auf eine solch absurde Einlassung reagiert. Damit hat sie etwas mit Jack gemeinsam, der einfach nicht in der Lage ist, die Angst auf Knopfdruck zum Verschwinden zu bringen, nur weil Sie der Meinung sind, er hätte sich vor ein paar Sekunden oder Minuten in der Bewertung der Situation getäuscht.

Sie merken: Wir alle haben diese Redewendungen im Repertoire, wenn es darum geht, dass wir mit der Emotion eines anderen schlicht und einfach überfordert sind und nicht genau wissen, wie wir damit umgehen sollen. Auch lässt sich die Sammlung beinahe beliebig erweitern. Abschließen möchte ich sie allerdings gerne mit der »Mutter aller emotionaler Killerphrasen«, einem insbesondere in Business-Meetings gerne verwendeten Klassiker, der dem Empfänger höchstens die Wahl lässt zwischen ärgerlichstem Aufbegehren und trotzigem Sich-zurückziehen. Widersinnigerweise wird er besonders gerne in Situationen verwendet, in denen die Menschen genau das tun, was die Inhaber und die obersten Führungskräfte von Unternehmen angeblich erwarten: sich für ihre Leidenschaften in eben diesem Unternehmen engagiert, motiviert und eventuell sogar mit Leidenschaft und Begeisterung einsetzen! Es ist dieser Spruch, den ich für das genaue Gegenteil dessen halte, was wir unter Emotionaler Intelligenz verstehen und der mich zum Titel dieses Buches inspiriert hat:

Die Top Ten der emotionalen Killerphrasen

Platz 1: »Nun lassen Sie uns doch mal sachlich bleiben!«

Die wörtliche Reaktion von Jack erspare ich Ihnen an dieser Stelle aber glauben Sie mir, in 99,99 Prozent aller Fälle atmet er nicht dreimal tief durch, lehnt sich in buddhistischer Gelassenheit zurück und ist danach sachlich!

Liebe Leser! Die Aufforderung, sachlich zu bleiben mag ab und zu verständlich sein. Allein liegt ihre Erfüllung nicht in der menschlichen Natur. Jedenfalls nicht, solange eine Emotion das Zusammenspiel von Geist und Körper ist, die beide auf einen äußeren Reiz reagieren! Diese Sachlichkeit, wie sie vom – scheinbar – rationalen Sprecher gewünscht wird, wird es so lange nicht geben, wie die gezeigten Emotionen nicht als das anerkannt wurden, was sie sind, nämlich Entscheidungsfaktoren und Kommunikationssignale.

An der Verwendung emotionaler Killerphrasen respektive daran, zu welchen Emotionen besonders viele davon verwendet werden, lässt sich aus meiner Sicht auch die soziale Akzeptanz der einzelnen Emotionen ablesen. Hier sticht in besonderer Weise – wir haben es bereits angedeutet – die besonders wichtige Emotion Trauer hervor, deren aufrichtige Anerkennung uns offenbar besonders schwer fällt.

 

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