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Das große Missverständnis in der Gewaltfreien Kommunikation (Teil I)

Markus Fischer

20.02.2020 ·  Um die Gewaltfreie Kommunikation richtig zu verstehen, muss man einiges über Persönlichkeitsentwicklung wissen. Eines der größten Missverständnisse der Gewaltfreien Kommunikation ist der Glaube daran, dass sie automatisch zur Transformation führt. Dem ist aber nicht so. Denn nicht selten hat die Gewaltfreie Kommunikation eine Tendenz zu regressiven Lernsituationen. Im ersten Teil der Artikelserie von Markus Fischer geht es um das Fundament: Haltung und Persönlichkeitsentwicklung.

Markus Fischer

Markus Fischer, Dipl. Volkswirt, unterstützt seit über 20 Jahren die Klärung spannungsgeladener Beziehungen und weiß von sich selbst, dass Konflikte selten willkommen sind. Als Pionier der Gewaltfreien Kommunikation in Deutschland ist er ein kritischer Denker geblieben. Heute begleitet er den Kulturwandel in Unternehmen nach dem Grundsatz: Freiheit gibt es nur mit Verantwortung. » http://kultur-wandeln.de

Haltung und Persönlichkeitsentwicklung beschreiben notwendige, innere Qualitäten von Beratern, Therapeuten oder Trainern. Die Forschung zeigt die Entwicklungsstufen von Haltung und Persönlichkeit. Transformation, Translation und Regression sind die drei Richtungen dieser Entwicklung.
Das Missverständnis der Gewaltfreien Kommunikation ist der Glaube, sie führt automatisch zur Transformation. Entscheidend ist, ob transformative, translative oder regressive Lernsituationen geschaffen werden. Die Tendenz zur Regression ist ein Problem in der Gewaltfreien Kommunikation.

Haltung ist (fast) alles

Carl Rogers wies als einer der ersten darauf hin, dass die Persönlichkeit und Haltung des Therapeuten der wichtigste Faktor ist, weniger seine Methode oder Technik. Rogers sah jedoch bereits die Gefahr voraus, dass versucht wird, aus der Haltung auch wieder eine Technik zu machen, die antrainiert werden kann. Haltung muss, nach Rogers, als ein “sense of being” (“Wesensart”) verstanden werden und diese kann man sich nicht einfach aneignen wie eine Methode.

Im therapeutischen Setting wird von “systemischer”, „ressourcenorientierter”, “gewaltfreier”, “wertschätzender” etc. Haltung gesprochen. Ich möchte Haltung offener definieren. Ich verstehe unter Haltung den Kontext des Denkens, Fühlen- und Handelns. Der Begriff Kontext finde ich hilfreich, denn er bedeutet “Sinnzusammenhang”, „Hintergrund“ oder “Zusammenhang, in dem bestimmte Dinge stehen oder betrachtet werden müssen” (Definition des Duden).

Haltung ist das, was man nicht sieht

Die Haltung des Beraters ist das, was man nicht sehen, hören, beobachten kann sondern das, was sich durch die Inhalte, Methode und Technik hindurch ausdrückt. Die Methode und Technik ist dagegen das, was man bei einem Berater beobachten kann, das was er sagt oder tut. Haltung ist wie die angenehme Hintergrundmusik beim perfekten Candle-light-Dinner — man nimmt sie kaum wahr, aber wenn sie aufhört, merkt man es sofort. Sie ist der innere Raum eines Beraters, gefärbt von seiner Lebenserfahrung, seinen Werten, seinen Licht- und auch Schattenseiten.

Die Haltung bildet den Zusammenhang, ohne den eine Beratungstechnik weder richtig verstanden, noch richtig angewendet werden kann. Unser Denken, Fühlen und Handeln wird durch die “Hintergrundmusik” der Haltung geprägt und gefärbt. Wie der dezente Geruch eines Parfüms bestimmen Haltung und Persönlichkeit, den grundlegenden „Geschmack“ hinter den Gedanken, Gefühle und Handlungen.

Dies ist uns kaum oder gar nicht bewusst, denn Haltung und Persönlichkeit sind viel zu sehr mit unserem Wesen verknüpft und identifiziert, als dass wir diese mit Abstand betrachten könnten.

Haltung und Persönlichkeitsentwicklung — was die Forschung dazu sagt

Wer „hard facts“ für diese “soft skills” sucht, für den hält die Forschung einige Überraschungen bereit. Psychologen und Soziologen haben in den letzten Jahrzehnten viele Untersuchungen durchgeführt und dabei Interessantes ans Licht gebracht. Dazu haben sie Personen über viele Jahre hinweg zu ethischen, moralischen oder politischen Themen befragt.

Der Psychologe Lawrence Kohlberg (1927–1987) hat bspw. in einer Studie folgende Frage gestellt: “Ihre Frau ist todkrank und Sie haben kein Geld. In der Apotheke gibt es ein sehr teures Heilmittel. Dürfen Sie das Mittel stehlen?”. Was dabei herauskam, war überraschend.
Es stellte sich heraus, dass sich die Antworten bei den Befragten im Laufe ihres Lebens verändern, und dass die Richtung dieser Veränderung immer gleich war. Dabei gab es im wesentlichen drei Kategorien von Antworten. Kohlberg nannte sie “präkonventionelle”, “konventionelle” und “postkonventionelle” Antworten.

Darf man stehlen ? Ja, Nein oder Ja

Präkonventionelle Antworten drücken eine Haltung aus, die sich sich nicht um Regeln und Gesetzte (Konventionen) kümmert, sondern allein um die eigenen, egoistischen Wünsche und Bedürfnisse. Meist geht es darum, Bestrafung/Schmerz zu vermeiden. Also eine Antwort wie „Klar stehle ich das Medikament. Mir sagt niemand was ich zu tun oder zu lassen habe!“

Konventionelle Antworten orientieren sich an dem, was “sich gehört”, an festgeschriebenen Normen und Gesetze, und an den Moralvorstellungen der Gruppe, der man angehört. Also bspw. eine Antwort wie „Nein, stehlen darf man nicht, auch wenn ich einen Vorteil davon habe. Wenn das jeder machen würde.“

Postkonventionelle Antworten reflektieren die vorherrschende Moral vor dem Hintergrund universeller ethischer, rational begründeter Normen, beziehen das eigene Gewissen mit ein und versuchen stimmige, widerspruchsfreie Lösungen zu finden. Also etwa: „Natürlich stehle ich das Medikament. Gesellschaftliche Regeln dürfen nicht über dem Leben eines Menschen stehen.“

Interessant in Bezug auf die Ausgangsfrage ist in der Studie, dass sowohl die prä- als auch konventionelle Haltung Gründe für oder gegen den Diebstahl nannten — die postkonventionelle Haltung den Diebstahl jedoch immer gut hieß und keine Gegenargumente fand. Menschliches Leben steht über dem Gesetz, so die universelle, postkonventionelle Haltung.

»Das große Missverständnis in der Gewaltfreien Kommunikation (Teil II)

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