Das Spiel mit der Angst BusinessVillage - Verlag für die Wirtschaft

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Das Spiel mit der Angst

Heinz Peter Wallner

04.07.2013 ·  Wir lieben es, das Spiel mit der Angst. Es treibt das Adrenalin in die Venen und es macht die Menschen dumm. Dann ist es leichter, einen Vorteil herauszuschlagen. Oder besser: war es leichter, denn das ist ein altes Spiel. Lassen wir uns auf ein neues Spiel ein, das uns der Lebendigkeit wieder näher bringt, ein Spiel ohne Angst.

Heinz Peter Wallner

Dr. Heinz Peter Wallner ist Change Berater, Führungskräfteentwickler und Coach. Mit seinem Beratungsunternehmen Wallner & Schauer betreibt er ein Büro in Graz und in Wien. Seine langjährige Erfahrung aus vielen Change-Projekten und aus der Arbeit an der ganzheitlichen Entwicklung von Menschen fließt in seine Sachbücher und in seinen Blog ein. Er versteht sich als Wegbegleiter in Zeiten der Veränderung. » http://www.trainthe8.com

Wenn die Zeiten härter werden, legen wir in unseren Spielen einen Zahn zu und verschärfen die Gangart. Das Spiel mit der Macht erlebt eine Renaissance, besonders in Organisationen und Unternehmen. Die Menschen kommen unter Druck, strengen sich mehr an, als es gut und drängeln mehr als es erträglich wäre.

Oben lebt sie, unten lähmt sie

Die Angst in Organisationen ist eine Folge des Spiels mit der Macht. Wer Macht über Menschen hat, kann Druck ausüben, kann seinen Willen durchsetzen und am Ende das Spiel gewinnen. Immer aber wenn wir gewinnen, müssen andere verlieren. Dabei ist das wenig hilfreich. Nie müssen wir das Licht des anderen ausblasen, um selbst zu leuchten, meinte der Finanzier Bernard Baruch. Aber wenn der Druck zu hoch wird, bläst auch der „Kelomat“ und lässt Dampf ab. Und wenn einmal die Großen zu blasen beginnen, bekommen die kleinen Lichter Angst. Bekanntlich weht aber der Wind oben besonders stark. Keineswegs ist Angst in der Hierarchie alleine eine Sache auf unteren Etagen. Angst verteilt sich über alle Ebenen, sie hat nur andere Auswirkungen. Wir können sagen, ganz oben lebt die Angst und bestimmt das Handeln. Hier ist die Verantwortung am größten und somit auch die Angst vor Fehlern am stärken spürbar. Mutige Strategien des Wandels lässt die Angst erst gar nicht aufkommen. Und wenn die wenigen wirklich Mächtigen Angst haben, sind sie besonders gefährlich und wenig wirksam. Weiter unten verteilt sich die Angst auf vielen Schultern und wirkt anders. Hier lähmt die Angst die Menschen und vertreibt jede Neugier, vernichtet jede gute Idee, verengt die Geister und führt zu Dienst nach Vorschrift. Ohne Checklisten tut niemand einen Handgriff. Das ist das Dilemma, das jede Krise mit sich bringt. Statt mutigen Menschen in oberen und engagierten in den unteren Etagen, füllen die angsterfüllten alle Ränge. Angst aber bietet uns keinen Ausweg aus Krisen. Den finden wir nur, wenn wir das Spiel verändern. Das Spiel mit der Macht wird zum Spiel mit der Kraft. Statt Macht über Menschen auszuüben, geht es darum, gemeinsam mit den Menschen mächtige Strategien des Wandels zu entwickeln.

Der Angst auf der Spur

Für den Ausbruch aus den Teufelskreisen der Angst müssen wir zu ihren Wurzeln vordringen. Wirtschaftliches Handeln bringt die Menschen immer in einen Widerspruch. Es geht einerseits um die Freude am Tun und andererseits um das Bejahen des Notwendigen. Weder die Freude noch das Notwendige alleine bringen uns den Erfolg, den wir uns wünschen. Wir müssen die Widersprüche vereinen und aus beiden Seiten Kraft schöpfen. Wer mit Freude das Notwendige bejahen kann, ist am Königsweg. Oftmals aber setzen sich heute jene Menschen in Szene, die im Notwendigen die Rettung sehen und die Freude als Störquelle aus allen Etagen verbannen. Die Folge ist dann meist die negative Überhöhung der isolierten Position und der tiefe Fall in den eigenen Schatten, wie Herbert Pietschmann das nennt. Statt das Notwendige zu bejahen, wird die Position radikaler. Sie führt zum freudlosen Tun unter Druck. Hier sind wir an der Quelle der Angst. Druck bringt Menschen unter Stress und führt zu Angst. Auch die Gegenposition zeigt keinen Ausweg. Wer die Freude am Tun dem Notwendigen vorzieht, fällt ebenso in den Schatten. Wer des Notwendigen aber verlustig wird, kann dem Erfolg nur hinterher winken.

Abbildung: Widersprüche im Schattenreich    

Das neue Spiel ohne Angst verlangt nach neuen Regeln. Eine der Regeln lautet so: „Entscheide nicht gleich, initiiere einen Prozess“. Statt sich für die Freude oder für das Notwendige zu entscheiden, können wir einen Dialog initiieren und nach einer gangbaren Lösung suchen. Die Kunst liegt nicht mehr in der richtigen Entscheidung, weil es eine solche gar nicht gibt. Sie liegt im Prozess, der Menschen in einen fruchtbaren und furchtlosen Dialog über die Zukunft bringt.

Bewahren oder Verändern

Jetzt sind wir mitten in der Polarität angekommen. Die Spannung zwischen „Bewahren“ und „Verändern“ ist die Batterie des Lebens. Aus ihr schöpfen wir Kraft für Veränderung oder erstarren vor unserer eigenen Angst. Wir können diesen Widerspruch nicht entscheiden, ein richtig oder falsch gibt es nicht. Sicher ist nur, wer immer auf das Bewahren setzt, fällt in den Schatten der Erstarrung. Wer hingegen immer auf Veränderung tippt, fällt in den Schatten des Identitätsverlustes, wie das Herbert Pietschmann beschreibt. Genau hier beginnt der gute strategische Dialog. Die Bewahrer und die Veränderer haben beide aus ihrer Perspektive Recht, niemand hat unrecht. Hier ist dann eine weitere Spielregel hilfreich: „Setze Bewertungen aus“. Richtig und falsch, gut und schlecht sind sichere Wege in Sackgassen des Lebens. Für eine gute Zukunft ist die gemeinsame Suche nach einer Lösung im Spannungsfeld zwischen „Bewahren“ und „Verändern“ der Schlüsselfaktor. Dazu brauchen wir einen neuen Dialog, der schnell zu guten Lösungen führt und trotzdem die Intelligenz der Vielen nutzen kann.  

Der iterative Dialog der Menschen

Peter Kruse setzt in komplexen Fragen auf die Kraft der Iteration und definiert: »Iteration bezeichnet den kreisförmigen Prozess des Wiedereinspeisens des Ergebnisses einer Regelanwendung in die Regel«. Wir haben das vielfach ausprobiert und die Zauberhand der Iteration erlebt. Vereinfacht gesagt ist Iteration eine Art Stille Post-Spiel für Erwachsene. Eine Gruppe von Bewahrern arbeitet ihren Standpunkt in einem Brainstorming aus. Eine Gruppe von Veränderern tut das gleiche. Dann tauschen sie ihre Ergebnisse aus und arbeiten daran weiter, clustern, strukturieren und ergänzen, um dann die neuen Ergebnisse wieder zu tauschen. Das geht so lange im Ping-Pong-Spiel hin und her, bis eine gemeinsame, passende Lösung vor liegt. Meist geht das sehr schnell, nach ein bis zwei Wechseln ist ein Ergebnis da, das als Blue Print für die neue Strategie verwendet werden kann. Es sind solche Entwicklungsprozesse, die viele Menschen mit widersprüchlichen Standpunkten in einen offenen Dialog bringen, die auf eine gute Zukunft in schwierigen Situationen hoffen lassen. Die Intelligenz einzelner Führungspersonen ist nicht zukunftsreich. Binden wir Menschen ein und geben wir den Widersprüchen Raum und Zeit, kann Lebendigkeit ihre volle Kraft entfalten.

Das neue Spiel will nicht gewonnen werden

Das neue Spiel braucht einen anderen Zugang zum Erfolg. Im alten Spiel war es wichtig zu siegen. Wir wissen es heute intuitiv besser. In Zukunft wird es nicht mehr um den Sieg gehen. Wie sollte das auch gehen? In einer ganzheitlichen Welt hängt alles miteinander zusammen. Wenn wir einen Sieg erringen, dann sind per Definition andere Menschen zum Verlieren gezwungen. Die neue Frage ist vielmehr so zu stellen: Wie kann ich meine Potenziale als Mensch bestmöglich entwickeln und zum Wohle für die Welt einsetzen?  


Genau diese Fragen sollten sich auch Unternehmen stellen. Wie können wir gemeinsam Zukunft gestalten und unsere Widersprüche als Quelle der Kraft nutzen? Wie können wir unsere kreativen Potenziale entfalten, als Mensch, als Organisation? Für diesen Weg aber braucht es einen mutigen, weiten Schritt über einen Abgrund, der die Welten der Menschen teilt. Wie schaffen wir die Brücke von unseren mechanistischen, machtbeseelten Denkwelten zu den ganzheitlichen Denkwelten der Kraft?

Ein erster Schritt ist die Beschäftigung mit einem neuen Spiel. Welche Spielregeln werden wichtig sein? Welche Prinzipien müssen uns leiten, um mutige Entscheidungsprozesse zu initiieren und radikale Veränderungen zu ermöglichen? Ein Prinzip möchten wir hier gleich preisgeben: Das Prinzip Ordnungsmuster – das Spiel mit der Lebendigkeit, mit den Rhythmen des Lebens. Hiermit können wir uns wieder mit unseren kreativen Potenzialen verbinden und unsere Ängste überwinden. Das neue Spiel ist ein Spiel ohne Angst, weil es ein Spiel des Lebens ist. Und es gibt keinen Druck, weil niemand gewinnen muss. Nennen wir das Spiel so: Zwischen den Polen und mitten im Fluss.

 

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