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Das Improvisationsprinzip - souverän, aber Ahnungslos

Dr. Dennis Lotter

10.06.2020 ·  Improvisation ist eine bedeutende Tugend - gerade in Zeiten von VUKA und digitaler Transformation. Sie ist die Lust an Spontanietät und Experiment in Reinform. Doch in vielen Unternehmen führt die Fähigkeit zu improvisieren ein Schattendasein. Doch Improvisation ist die Basis Großes zu Wagen. Oder anders herum: Ohne Improvisation nichts Großes. Ein kleine Nachhilfe in Improvisation von Prof. Dr. Dennis Lotter.

Dr. Dennis Lotter

Prof. Dr. Dennis Lotter ist Agent Provocateur in Sachen digitale Transformation. Mit Elan und Leidenschaft jagt er die Schreckgespenster der Wirtschaft. Als Keynote Speaker und Trainer holt er Menschen aus ihren Komfortzonen und begleitet sie als Berater und Agile Coach in digitalen Veränderungsprozessen. Seine Mission: Unternehmen bewegen, sich selbst zu bewegen – stracks in Richtung digitale Zukunft. » http://www.institut-slc.de

  • Improvisation ist eine bedeutende Tugend in Zeiten von VUKA und digitaler Transformation.
  • Die Lust an Spontanität und Experiment ist hier die Basis, um Großes zu wagen.
  • Erfolgreiche Unternehmer agieren wie Jazz-Musiker: Gewitzt, einfühlend, schlagfertig und wendig.

Können Sie improvisieren? Etwa wenn ein Überraschungsbesuch vor der Tür steht und Sie ihm als guter Gastgeber eine Erfrischung oder einen Snack anbieten wollen. Doch – oh Schreck! – der Kühlschrank ist gähnend leer! In Zeiten der multiplen Lieferdienste natürlich kein wirkliches Problem. Sich auf die Lieferung von Pizza, Döner und Sushi zu beziehen, könnten wir guten Gewissens auch als Improvisationsgeschick nehmen, indem wir frühzeitig genug vorsorgen und die einschlägigen Liefer-Hotlines an den Kühlschrank heften. Dass wir uns heute das gesamte Weltwissen per Suchmaschine und App ins Haus holen können, macht unser Leben reicher. Aber geschickt damit umzugehen und für sich sinnbringend zu nutzen, erfordert aber auch – ein Quäntchen cooler Improvisation.

Keine Evolution ohne Anpassung und Ausprobieren! Seit Anbeginn lernte der Mensch zu improvisieren, sich mit dem abzugeben, was vorhanden war und gerade in negativen Umständen zu lernen. Ein dreigängiges Menü lässt sich natürlich nicht unbedingt aus einer Kartoffel, ein paar Bohnen und einer Handvoll Weizen zaubern. Durch Austesten und Probieren entstand ein Erfahrungsschatz, den wir sukzessive erweitern. Eigentlich sollte man meinen, der hohe Grad an zivilisatorischen Errungenschaften überlässt nichts mehr ungeordnet einem wahllosen Zufall. Alles scheint gesettelt, fixiert, vorgegeben. Je mehr aber die digitale Revolution Eintritt in alle Lebensbereiche fordert, erleben wir gleichzeitig neben der technischen Perfektion eine mental-emotionale Rat- und Ahnungslosigkeit, die uns auf die Fertigkeit zur Improvisation – als vitaler Bestandteil von kultureller Entwicklung – zurückführt.

Ex tempore! Mal schauen, was passiert, wenn wir unserer Lust am Experiment freien Lauf lassen

Nicht nur in Zeiten von Mangel, Hunger und Not war Improvisationsgeschick überlebenssichernd. In Kunst und Kultur finden wir immer wieder Darstellungsformen, die auf kreative Improvisation beruhen – und das nicht erfolglos! Das Stegreiftheater im antiken Griechenland fand seine Nachfolger in der Commedia dell’arte des 17. Jahrhunderts. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte diese szenische Kunstform ein Revival und ab den 1940er-Jahren eine neue Blüte. Regisseure von experimentellen Fernsehspielen verzichten heute schon mal auf ein fixes Drehbuch und überlassen es dem Schauspieler, innerhalb ihrer Rollen- und Typencharakteristika den Dialog spontan-intuitiv-kreativ selbstbestimmt zu gestalten. Sie reagieren auf Stichworte, extemporieren aus dem Bauch heraus, und der Dialog formt sich spontan und unvorbereitet aus der Situation. Auch die spontan anmutende Situationskomik der amerikanisch geprägten Sitcoms zielt darauf ab. Sie wird allerdings in der Regel als Drehbuch festgeschrieben. Aber der Witz zündet erst, wenn der fertige Dialog unmittelbar und spontan erlebt wird. Spielerische, situative Elemente erwecken in uns Nachhall. Das zeigt, dass wir durchaus und gerade ohne feste Regeln schöpferisch tätig sein können und dabei auf Applaus stoßen.

Wie nutzen wir die Wirksamkeit der Improvisation in der Businesswelt? Ist hier nicht auch neben rationalen Fertigkeiten wie Analyse, Strategie, Gestaltung, Organisation, Kontinuität ein hohes Maß an Flexibilität, Wendigkeit, Spontaneität, Beweglichkeit und Entscheidungsfreude gefragt? Bestimmt! Sind es nicht gerade die agilen, alerten Unternehmen, die bereit und fähig sind, von einmal festgezurrten Plänen abzuweichen und neue Pfade einzuschlagen, wenn Situation, Markt, Reüssieren und Überleben, ja gesunder Menschenverstand und Intuition es erfordern?

Hand aufs Herz: Träumen wir nicht alle davon, einmal Fünfe gerade sein zu lassen?

Tragen wir vielleicht sogar in uns mehr oder weniger verschämt eine ganz tiefe Neigung, uns ungehemmt und ohne Vorgaben zu verhalten? Fern von einengenden Ritualen unbefangen mit uns selbst und mit anderen umzugehen? Sich einfach lassen, nachdem wir von Kind auf in gesellschaftliche und allgemein gültige Regularien hineinwachsen, ohne die ein Zusammenleben innerhalb von Gemeinschaften kaum möglich wäre? Nicht erst die Moderne kennt die Aussteiger (Was war Diogenes in der Tonne anderes? Wie stand es um den »einsamen Rufer in der Wüste« des Alten Testaments, Johannes?), die sich ihren eigenen Claim abstecken und scheinbar improvisiert leben. Teils aus religiösen Überzeugungen, wie die Amish People, die sich gewissen Formen der modernen Zivilisation verweigern, oder aus machtdynamischen Motiven (wie Sekten oder politische Gruppierungen es tun). Natürlich hat dies nur bedingt mit richtig verstandener, produktiver und gestalterischer Improvisation zu schaffen, auch wenn beiden Phänomenen ein ähnliches Grundprinzip unterlegt ist.

Und wie geriert es sich in der Arbeitswelt?

Die digitale Transformation verlangt uns einiges ab, sei es als Privatmensch oder im Arbeitsleben. Die Wucht des Neuen, Unerhörten kann atemlos machen. Oft findet sich keine schnelle Lösung, mit dem Überraschungsschock umzugehen; Veränderung weckt zunächst Angst und ruft Verdrängungsmechanismen auf den Plan. Angst blockiert. Ein archaischer Instinkt, eine natürliche Vorsicht sagt uns: »Vorsicht. In diesem Dschungel kenne ich mich nicht aus. Im nächsten Busch könnte der Säbelzahntiger lauern.« Dann bieten sich drei Möglichkeiten an: »Sich tot stellen. Flüchten. Angreifen!« Versteht man Angreifen im Sinne von »Dinge in die Hand nehmen und seine kreativen Kapazitäten nach Maßgabe der Situation mobilisieren«, beginnt der improvisatorische Flow zu wirken.

Es lässt sich also festhalten: Improvisation. Works!

Improvisation, sprich: die Fähigkeit mit unvorhergesehenen Situationen souverän umzugehen, sie ans Herz zu drücken und etwas Neues daraus entstehen zu lassen, ist eine bedeutende Tugend in Zeiten von VUKA und digitaler Transformation. Oft sind es nur kleine Veränderungen, die eine erkleckliche Wirkung erzielen. Gewitztheit, Einfühlung, rasches Kombinieren, Schlagfertigkeit, Wendigkeit – Improvisationstheater vom Feinsten!

Aus meiner Erfahrung in der Transformationsberatung für Unternehmen behaupte ich kühn: Ahnungslosigkeit ist in Transformationszeiten und VUKA-Märkten keine Ausnahmeerscheinung, sondern Dauerzustand! Mit diesem für uns unwohlen Gefühl gilt es Freundschaft zu schließen, ja sogar einen Pakt auszuhandeln: »Ich nehme Dich an und schaue spontan, was ich aus Dir erschaffen kann!?« Die digitale Zeit polarisiert: Die einen meinen, dass die Transformation keinen Stein mehr auf dem anderen ließe. Die anderen setzen auf Beharrlichkeit, wieder andere auf die normative Kraft des Faktischen.

Kurzer Methodenüberblick – Der Effectuation-Ansatz

Mit ihren Erkenntnissen gab die indische Kognitionswissenschaftlerin Prof. Dr. Sara Sarasvathy (2008) der Entrepreneurship-Forschung einen entscheidenden Anschub. Aus ihren Fallstudien mit Unternehmern, die sowohl erfolgreich waren also auch Scheitern erlebten, leitete sie mit dem Konzept »Effectuation« ein hochwirksames, weil ressourcenorientiertes Handlungskonzept ab. Gerade in unplanbaren, unwägbaren Geschäftszusammenhängen beweist es seine besondere Durchschlagskraft. Sie fragte sich: »Wie handeln und entscheiden erfolgreiche Unternehmer in Phasen von Unwägbarkeit, Unplanbarkeit und Ungewissheit?«

Ihr glückte es, das gewohnte Managementdenken, das sich auf prägnante Zieldefinition konzentriert und allen Vorhaben unterlegt, komplett umzukehren. Unternehmen klassischer Ordnung setzen alles daran, um einmal identifizierte und definierte Ziele unter Aufbietung aller Kräfte und Investitionen zu erreichen. Sarasvathy verglich dieses Vorgehen mit der Zubereitung eines Gerichts präzise nach der Vorgabe des Rezeptbuches – also Einkauf, Kochvorgang, Prozedere rezeptgetreu so zu gestalten, dass das Ergebnis dem Vorgegebenen vollkommen entspricht. Bei hoher Ungewissheit rät die Wissenschaftlerin eher zum gegensätzlichen Weg: Ihr Rezept entwickelt sich aus den Zutaten, die im Kühlschrank bereits vorhanden sind und die sie gewitzt zu einem neuen Menü komponiert. Sie konzentriert sich auf die zur Verfügung stehenden Ressourcen, um ihre Entscheidung zu treffen und bezieht Qualitäten wie Improvisation und Spiellaune mutig und intuitiv mit ein. Für erfahrene Unternehmen kein Problem, denn sie können auf einen Praxisschatz zurückgreifen, der ihnen eine stabile innere Sicherheit verleiht.

Was lernen wir aus den Effectuation-Grundsätzen?

Die Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber gestaltbar!

Unternehmenszukunft lässt sich über Einbezug von anderen Akteuren im System mitgestalten. Infrage kommen Investoren, Kunden, Partner, Lieferanten oder Stakeholder.

Sich an den eigenen Mitteln ausrichten!

Über drei Kernfragen kommen wir ins Handeln: »Wer bin ich? Was weiß ich? Wen kenne ich?« Effectuation benennt es als Bird-in-Hand-Principle.

Wie viel kann ich mir leisten zu verlieren?

Ist bekannt, wie der Invest sich darstellt und ob er im Rahmen der eigenen materiellen Mittel liegt, lässt sich die Zeitlinie in kleinen Etappen benennen. Effectuation nennt das ein Pilot-in the-Plane-Principle.

Unter ungewissen Vorzeichen lohnt es sich, verbindliche Partnerschaften einzugehen!

Partnerschaften auf Gegenseitigkeit unterfüttern diese kleinen Schritte. Sie bedürfen keines großen Rahmens und können sehr einfach geknüpft werden – etwa über die Fortsetzung eines guten Gesprächs auf einer nächsten Ebene oder über andere Puzzleteile, die Effectuation im Crazy-Quilt-Principle erkennt.

Zufall bestimmt den unternehmerischen Erfolg!

Je mehr neue Partnerschaften – unter Einbezug der neuen Ressourcen, Fähigkeiten und Kompetenzen, desto breiter wird der Spielraum für Unerwartetes, Überraschendes und Zufälliges, für innovative Vorhaben. Effectuation kennt dieses Vorgehen als das Lemonade-Principle. »Wenn das Leben dir Zitronen gibt, stelle Limonade aus ihnen her.«

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