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Blendender Schein und Scheinwelten

Jörg Steinfeld

06.06.2013 ·  Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, nach dem Ersten Weltkrieg, entwickelte sich unsere bis heute anhaltende, sich stetig verstärkende Kultur der Oberflächlichkeit. In den Zeiten davor stand Leistung im Vordergrund. Wer nicht gut Mann gegen Mann kämpfte, der musste sterben. Wer sein Handwerk nicht verstand, wurde nicht beauftragt. Wer gar nichts konnte, war ein Taugenichts. Die einsetzende Oberflächlichkeit wurde durch zwei die Gesellschaft bestimmende Entwicklungen begünstigt.

Jörg Steinfeld

Der Jurist Jörg Steinfeldt ist Führungskraft im Personalbereich bei einem internationalen Spezialversicherer, Buchautor und Autor zahlreicher Fachartikel. Er ist bekannt dafür, den Finger in offene Wunden zu legen und über den Tellerrand zu denken. Schon in seinem Debüt-Buch „Was Sie schon immer über Führung wissen wollten“ räumt er schonungslos mit den Management-Mythen auf. » http://

Zum einen die neuen Medien wie Fotografie, Film und Fernsehen. Plötzlich beeinflussten allgegenwärtige Bilder die Menschen. Diese Bilder entstanden an Orten, von Menschen und auf eine Art und Weise, die von den Konsumenten nicht zu kontrollieren waren. Manipulation leicht gemacht. Mit den Bildern entwickelte sich eine Scheinwelt, in der sich reale Menschen bewegten. Stars were born. Das weckte Begehrlichkeiten: „So will ich auch sein!“ Heute sind die Medien mit ihrer Werbung und ihrer Glamourwelt in jedem Winkel der Welt allgegenwärtig. Wer sich gängigen Schönheitsidealen und Moden entzieht, ist „out“. Und nicht nur das, ihm wird bescheinigt, weniger leisten zu können. Wer dick ist, hat keine Disziplin und kann nicht gut denken, denn nur ein gestählter Körper macht einen gesunden Geist und klaren Kopf.

Zum anderen beherrschte der Kapitalismus mehr und mehr das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben. Geld und reich werden wurde zum Lebensziel und -inhalt vieler Menschen. Egal wie. Das Verkaufen rückte in den Vordergrund. Mittels der eben erwähnten neuen Medien und durch Menschen mit Fähigkeiten und Verhaltensweisen, mit denen sich gut verkaufen lässt. Eben Verkäufertypen. Zudem entwickelten sich immer größere Unternehmen. In diesen Organisationen, die bald niemand mehr komplett überschaute, fanden sich Wege und Nischen auch für solche Menschen, die so viel zum Erfolg des Unternehmens nicht beitragen konnten oder wollten. Ein Problem, das viele Unternehmen auch heute noch beschäftigt.

Bis heute vollzieht sich damit ein dramatischer Wandel. Immer weniger kommt es auf Inhalte an, die ein Mensch oder ein Produkt liefert, und immer mehr kommt es allein auf Techniken an, mit denen eine Außenwirkung erzielt wird. Wir maßen uns Urteile über uns völlig unbekannte Menschen an, allein auf Basis von Werbe- oder Fernsehbildern. Der Dauerbrenner bei den Ratgebern war über Jahrzehnte nicht „Welche Inhalte biete ich Freunden und was sollte ich von Freunden erwarten“, sondern Dale Carnegies „Wie man Freunde gewinnt“. Nicht Inhalte waren gefragt, sondern allein die Technik. Die Mitglieder der Jungen Union, die 1979 während eines Fluges über die Anden den sogenannten „Anden-Pakt“ geschlossen haben sollen, Christian Wulff, Friedberg Pflüger, Matthias Wissmann, Franz Josef Jung, Friedrich Merz, Peter Müller und andere gaben sich gegenseitig das Versprechen, sich nicht zu bekämpfen, sondern sich gegenseitig nach oben zu bringen. Um die Qualität der Beteiligten, um Inhalte, um entsprechende Ziele, die es zu verfolgen galt, um ein politisches Programm ging es dabei nicht. Es ging nur um den eigenen Vorteil ohne viel Aufwand. Das hat geklappt – wenn auch nur zeitweise und meist mit abschließendem Absturz. Wer so in der Öffentlichkeit steht, sollte Qualität nicht ganz ausblenden.

Heute nennt man solche „Interessengemeinschaften“ neudeutsch Netzwerke. Es gibt sie innerhalb und außerhalb von Betrieben. Sie haben ebenfalls regelmäßig nur den einen Grund, den eigenen Vorteil, sprich die eigene Karriere zu befördern. Netzwerk klingt positiver als Seilschaft. Keiner kennt sich wirklich, keiner fragt nach Inhalten. Hauptsache, man kennt jemandem, der einem hilft, „den Fuß in die Tür zu bekommen“. Den Rest muss der eigene Schein, sprich das Verkaufstalent besorgen. Solche Netzwerke können nur in Branchen funktionieren, in denen mangelnde Qualität nicht sofort erkennbar scheint und Konsequenzen nicht zu fürchten sind.

Die Handwerker, die ich in den Siebzigerjahren kannte und die für alle Arbeiten immer jemanden „an der Hand“ hatten, achteten auf solide Arbeit. Auf diese Art und Weise sind ganze Häuser „schwarz“ gebaut worden – und die stehen immer noch.

Noch meine Großeltern hatten einen Rest von Vorsicht gegenüber schneidigen Verkäufern. „Der sieht gut aus, der taugt nichts“ war die instinktive Skepsis vor allen Menschen, die als Charmeur oder Sirene eine Ware an die Frau oder den Mann bringen wollten. „Wer gut aussieht, hat keine Inhalte und ist mit Vorsicht zu genießen“ war ihre sicherlich nicht zu beweisende, aber auf meine Nachfrage mit diversen, aus ihrem Umfeld stammenden Beispielen belegte Logik.

Viele Menschen leben nicht in der realen Welt von Erwachsenen. Frauen um die vierzig warten wie Teenies auf den Prinzen, der sie zu der Prinzessin macht, als die sie sich fühlen. Männer um die fünfzig sehen sich in Konkurrenz mit Twens, auf dem Surfbrett und um fünfundzwanzigjährige Frauen. Sie lassen ihr Leben an sich vorbeiziehen und merken nicht, wie lächerlich sie wirken und dass bald alles vorbei sein wird. Es geht dabei nur um vordergründige, von anderen vorgegebene Idealbilder. Die Vorstellung ist, „Ich begebe mich in ein junges, schönes und attraktives Umfeld, also bin ich auch ich so.“ Ein Leben kann aber nicht an einem einzigen Bild aufgehängt werden. Es gibt im Leben viele Inhalte, die ernsthafte Auseinandersetzung fordern. Es gibt viele Lebensabschnitte, die eigene Ansprüche stellen. Wer sich denen nicht stellt, leugnet sich selbst.

Das geht bis hin zur eigenen Identität. Wer vor 1970 geboren worden ist, wurde Thomas, Andreas oder Michael benannt. Und gerade mit diesen Namen gab es nicht wenige Jungen. Heute nennen sich über vierzigjährige Tom, Andy und Mike. Das klingt englisch und cool. Schönheitsoperationen haben Konjunktur. Ich will nicht so bleiben, wie ich bin, ich will so aussehen wie die auf den Covern von Vogue und Men’s Health. Nicht durch Training, sondern durch den schnellen Eingriff in der Mittagspause. In 2011 sollen die Behandlungen mit Botox und Fillern sowie die ästhetisch-plastischen Operationen auf je circa 130.000 hochgeschnellt sein. Die Umsätze mit den entsprechenden Präparaten boomen ebenfalls. So werde ich später nicht so aussehen wie meine Mutter oder mein Vater heute. Identität passé.

Die Scheinwelt ist so verlockend, weil wenig Aufwand viel Ertrag (in der Karriere) und Illusion (der allgemeinen Anerkennung) verspricht. So wird man schnell reich, ohne viel arbeiten zu müssen. So wird man schnell berühmt, ohne die Ochsentour machen zu müssen. Alles soll sofort sein und nur noch zwei Zwecken dienen, der Aufmerksamkeit und dem Geld. Es gibt kein Interesse mehr, etwas für sich und um seiner selbst willen zu machen, Wege des Lernens und Erfahrens zu gehen und auf die Entwicklung zurückzublicken, um zu sagen: „Das bin ich!“ Wer die Abkürzung nimmt, ist ein Cleverle.

So ziehen sich unsere Kinder und die Kind Gebliebenen Castingshows von Bohlen bis Klum rein. Seien sie noch so hässlich und dumm, wird ihnen in dieser Traumwelt suggeriert, ohne Arbeit und Talent könntest auch du blitzschnell zum Megastar mutieren. Und nebenbei lernen sie, dass es völlig normal ist, überforderte Menschen öffentlich lächerlich und fertigzumachen. Wen wundern da hochgeladene Mobbing- und Prügelvideos?

Unsere sogenannte Bildungselite hat die Abkürzung längst genommen. Nicht jeden treibt das wissenschaftliche Interesse, eine Doktorarbeit zu schreiben. Wer als alleiniges Ziel hat, schnell nach oben zu kommen, nimmt offensichtlich auch einen kleinen Betrug in Kauf, zumal der in der Zeit vor dem Internet kaum aufzufliegen drohte. Weshalb also sich die Mühe machen, eine eigene Doktorarbeit zu schreiben, wenn es auch einfacher geht. Ob zu Guttenberg, Edmund Stoibers Tochter Veronika Saß oder Schavan – die prominenten Fälle sind die Spitze des Betrugsbergs. Auf fünfhundert bis achthundert pro Jahr schätzt der Plagiatsexperte und Münchener BWL-Professor Manuel René Theisen die Zahl betrügerischer Doktorarbeiten. 43

Wer in seinem studierten Beruf tätig ist, riskiert immer, die mit der Dissertation geweckten Erwartungen an ihn nicht erfüllen zu können. Zu hohe Erwartungen an zu geringe Fähigkeiten? Richtig, nicht so platt, aber so ähnlich klang die Definition zu Burn-out oben. Auffällig ist, dass zumindest die prominenten Fälle aus dem konservativ-liberalen Lager kommen, das Werte an anderer Stelle gerne hochhält. Dabei könnte den FDP-Politikern Chatzimarkakis, Mathiopoulos und Koch-Mehrin wohlwollend unterstellt werden, zu ihrem Verständnis von Freiheit gehöre, sich zu nehmen, was sie kriegen können, egal, ob es sich dabei um das (geistige) Eigentum anderer handelt. Aber die Konservativen? Wir wollen dann gar nicht wissen, welche Prinzipien und Werte die der Karriere wegen noch über Bord werfen. Dabei fällt mir ein, Seehofer und Söder, die Werte-Speerspitzen aus den Alpen, haben beide uneheliche Kinder. Es liegt mir fern, mit moralischen Steinen zu werfen, anders als die beiden, die auch gerne mal größere Brocken in die Hand nehmen, doch könnte ich das, sitze doch nicht ich im Glashaus. Wer ist da Elite? Abschreiber können kaum menschliche Vorbilder und fachliche Elite sein.

Wenig Aufwand, viel Ertrag ist auch der Grund, weshalb die sogenannten Social Networks wie Facebook so beliebt sind. Hier zählt die Quantität, nicht die Qualität der Kontakte. Je größer der Account, desto himmelblauer die Illusion, ich bin bei vielen beliebt, für viele interessant. Es ist die Welt der inhaltslosen Kommentare und Bilder, der Aufsehen erregenden und Aufmerksamkeit versprechenden krassen Einträge. Jeder eigene Schritt wird gepostet. Jeder verbreitet nur Gutes, nur Erfolge über sich.

Dieser himmlische Jahrmarkt steht in Widerspruch zum meist eher grauen Alltag der Nutzer. In schlechten Stunden tröstet niemand, denn niemand weiß von den schlechten Stunden und niemand ist physisch da, um eine Schulter zum Anlehnen zu bieten. Eine echte inhaltliche Auseinandersetzung mit anderen Menschen, ein originäres Interesse aneinander – Fehlanzeige. Unterm Strich deprimieren digitale Freunde, so eine Studie. Bodo Hombach regt ein Netzwerk der „Schwachen, der Dicken und der Hässlichen“ an. 44 Das wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung, das echte Gespräch von Angesicht zu Angesicht würde es aber auch nicht ersetzen. Sehen, hören, riechen, fühlen – vermisst denn keiner das sinnliche einer menschlichen Begegnung?

So wenig Inhalte geliefert werden, so wenig Haltung haben die Leute. Menschen, die keine Ahnung von Fußball haben, sprechen in Hamburg von „Pauli“ und tragen St.-Pauli-Shirts, als würden sie zum inneren Kern der FC-St.-Pauli-Familie gehören („Pauli“ haben vor fünfundzwanzig Jahren höchstens fünfhundert Leute gesagt). Ein chinesisches oder japanisches Tattoo lässt den unattraktivsten Körper strahlen. Was das Zeichen bedeutet? Egal, Hauptsache, es sieht gut aus. Welche Beziehung Geist und Seele des Menschen zu Asien hat? Keine, aber was soll die Frage?

„Ich komme gerade aus Rom!“ – „Oh, cool, was hast du gemacht, was habt ihr gesehen?“ – „Du, das war echt geil, wir waren super shoppen.“ Kultur, Politik, die Gesellschaft – alles uninteressant, denn es läuft ja alles, und wenn es noch so schlecht läuft.

Was das alles mit Burn-out zu tun hat? Wenn die Motte zu dicht an das heiße Licht fliegt, stirbt sie. Wer nur vom maximalen Erfolg her denkt, läuft Gefahr zu übersehen, dass es regelmäßig Inhalte und Leistungen bedarf, sich den Erfolg zu erarbeiten und ihn zu gerechtfertigen. Beide können nur aus uns selbst herauskommen. Wir sind im Lieferzwang. Da sollten wir uns auf uns selbst besinnen, was wir leisten können, wie wir sein wollen, wer wir sind. Wer geblendet von vorgegaukelten Illusionen mehr oder anderes verspricht, als er kann oder ist, wird, wenn seine Versprechungen eingefordert werden, sich dieser Lücke stellen müssen. Diese Notwendigkeit kann sich schleichend entwickeln. Das Ende sollte nicht eine Krankheit sein, die andere als Schuldige darstellt.

 

 

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